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Bürokratie kann mörderisch sein

Verein "Hatun und Can" gegen Zwangsehen und Ehrenmorde


30.08.2007 - jn


Selbstbewusste junge Frauen aus islamischen Einwandererfamilien leben mitunter gefährlich. Allein in Berlin kamen in den letzten Jahren acht von ihnen durch sogenannte "Ehrenmorde" ums Leben. Die Dunkelziffer an Verschleppungen, Zwangsheiraten und innerfamiliärer Gewalt gegen aufmüpfige Töchter gilt als groß.


Auf einige Hundert schätzen manche die Anzahl der Schülerinnen im heiratsfähigen Alter, die während dieser Sommerferien zur Zwangsverheiratung in die Ursprungsländer verbracht wurden. Nur einigen wenigen gelingt es, aus dieser oft misslichen Lage zu fliehen und in ein selbstbestimmtes Leben zurückzukehren.


Hatun Sürücü ist das vorübergehend gelungen. Als alleinerziehende Mutter hatte sie erfolgreich eine Elektriker-Lehre absolviert, bevor sie von den eigenen Brüdern umgebracht wurde.


Am Mittwoch (28. August) hat der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in der Revisionsverhandlung zum sogenannten "Ehrenmord" an der Deutschen kurdischer Herkunft die Freisprüche gegen die beiden volljährigen Brüder von Hatun Sürücü kassiert. Die Staatsanwaltschaft hatte Revision beantragt. Das Landgericht Berlin muss nun neu verhandeln.


Die beiden Brüder befinden sich derzeit in der Türkei. Zwar haben sie angekündigt, dass sie zur Verhandlung erscheinen wollen, aber ob sie sich tatsächlich stellen werden, ist ungewiss.


Aber selbst wenn sie verurteilt werden sollten, ist der Grundkonflikt fehlender Anerkennung weiblicher Selbstbestimmungsrechte in traditionalistischen muslimischen Familien keinen Schritt weitergekommen.


Einen viel erfreulicheren Ansatz als die nachträgliche Sanktion des schiefgegangenen Konflikts hat der gemeinnützige Verein "Hatun und Can" eingeschlagen. Er setzt darauf, unmittelbar von Gewalt bedrohten Frauen aus Kultur-Clash-Familien einen echten Neuanfang durch den Wechsel in eine entfernt liegende Stadt zu ermöglichen.


Zugrunde liegt dem die nachvollziehbare Überlegung, dass Hatun und die anderen Ehrenmord-Opfer noch leben könnten, hätte man ihnen effektiv ein eigenes Leben außerhalb der Reichweite des Familien-Clans ermöglicht.


Gegründet hat sich die Initiative im Februar 2007 aus Anlass des zweiten Jahrestags der Bluttat. Vereinsmitglieder sind zum Teil ehemalige persönliche Freunde und Freundinnen der Ermordeten. Nach Hatun und ihrem kleinen Sohn hat der Verein sich benannt. Der Name "Can" bedeutet auf kurdisch Leben.


In den wenigen Monaten seit Bestehen des Vereins sind elf junge Frauen mit ähnlichem Hintergrund aus ihrer zunächst aussichtslosen Notlage gerettet worden. Von "Rettung" zu sprechen, klingt auf Anhieb unangenehm pathetisch, aber die Lage der Betroffenen ist tatsächlich oft lebensbedrohlich. Die meisten der Frauen haben körperliche Misshandlungen zur Brechung ihres Willens erleben müssen, bevor sie vor den eigenen Angehörigen die Flucht ergriffen.


Wenn die Frauen mit Migrationshintergrund es alleine versuchen, geht es in der Regel schief. Sie scheitern zumeist an den Hürden der staatlichen Bürokratie in Deutschland. Allein die für eine Genehmigung von Ortswechseln bei Ausländerämtern und Arbeitsbehörden verlangten Anträge sind ohne Helfer kaum zu schaffen. Auch viele Deutsche tun sich bekanntlich schwer, den Fussangeln in den in unverständlichem Beamtendeutsch verfassten Formularen zu entgehen.


Den Verwaltungsangestellten in den Behörden fehlt es oft an interkultureller Kompetenz und Verständnis für den Ernst der Lage. Die realen Parallelgesellschaften der oft abgeschottet lebenden Einwandererfamilien sind ihnen meist völlig fremd. Auch das muss man einbeziehen. Aber ob eine schlichte Mitarbeiter-Fortbildung die Verständnislücke wirklich schließen würde, kann man durchaus skeptisch beurteilen.


Der Fall der Frankfurter Richterin, die einer scheidungswilligen marrokkanischen Ehefrau das "kulturell bedingte Züchtigungsrecht" ihres Prügel-Gatten vorhielt, erzeugte im März 2007 einen medialen Entrüstungssturm.


Die mittlerweile eingespielten Wege bei "häuslicher Gewalt" in Form einer Vermittlung in Frauenhäuser passen für die Ausländerinnen nicht ohne Weiteres. Die Betroffenen haben berechtigte Angst, aufgespürt oder verraten zu werden und dann erst recht der vermeintlichen Ehre der Familie wegen ermordet zu werden.


Aber deutsche Staatsangestellte haben vor nichts so sehr Angst wie davor, formale Fehler zu machen. Das könnte ihnen schließlich eine Eintragung in die Personalakte einbringen. Es ist das altbekannte, traurige Problem unterentwickelter Fehlerkultur in Deutschland.


Die eingeübte Haltung, nur bloß keinen Form-Fehler zu machen, ist fatal. Denn ihr zuliebe wird jedweges Mitdenken und Mitgefühl im Zweifel geopfert. Der Mensch als Bittsteller, dessen Leben an der anstehenden Entscheidung hängt, geht dabei manchmal vor die Hunde. Bürokratie kann sehr mörderisch sein.


Der Themen-Artikel in der Online-Enzyklopädie Wikipedia über die Hilfsorganisation "Hatun und Can" scheint ebenfalls bürokratischen Kriterien zum Opfer gefallen zu sein. Während im Google-Cache die Spur eines 27 Kilobyte großen Texts noch vorhanden ist, kommt man bei Wikipedia selbst lediglich auf eine verwaiste Leerstelle ohne Verlinkung auf die berüchtigte "Löschhölle", in der er anscheinend verschwunden ist.


Speziell in Berlin haben die acht Ehrenmord-Opfer indes zu Nachdenken und Fortschritten geführt. Die zuständigen Behörden arbeiten mit dem Verein "Hatun und Can" zusammen. Besonders heikle Fälle von gefährdeten Migrantinnen werden an sie vermittelt.


Der Senat hält das zivilgesellschaftliche Engagement für "sehr anerkennenswert", wie die Tageszeitung "Der Tagesspiegel" berichtete.


Die in Berlin als Ballungszentrum mit dem höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil gestartete Initiative hat längst deutschlandweit und in die Nachbarländer reichende Kontakte und Unterbringungsmöglichkeiten gefunden. Medienvertreter aus Japan, USA und Kanada haben "Hatun und Can" als Modellprojekt beschrieben. Die bislang größte Einzelspende soll daher aus Japan gekommen sein.


Möglicherweise steht die bisher ehrenamtlich geleistete, unbürokratische Einwandererinnen-Nothilfe aber mangels Finanzierung vor dem Aus. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening hat Gespräche mit dem Verein geführt und "im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten Unterstützung angeboten", berichtete der Tagespiegel.


Alle Ausgaben müssen jedoch nach wie vor über Spenden hereinkommen. Eine Reportage von Anne Siegel , die im Radio-Kanal WDR5 am Mittwoch (28. August) gesendet wurde, wird für wenige Tage über Lifestream zugänglich sein.


Diese in Europa bislang offenbar einmalige Initiative stellt ein Musterbeispiel unbürokratischer interkultureller Arbeit zugunsten der Selbstbestimmung freisinniger muslimischer Frauen dar.


Jürgen Neitzel - 30.08.2007



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