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Käfig-Haltung in Klein-Guantanamo

Student klagt gegen unmenschliche Behandlung beim G8-Gipfel


20.06.2007 - FJH

Karrikatur: Käfighaltung

Die "Käfig-Haltung" von mehr als 1.000 G8-Gegnern in "Klein-Guantanamo" hat Folgen: Der 29-jährige Hamburger Student Bastian Maaser reicht jetzt Klage gegen seine Festsetzung in Rostock ein. Amnesty International ermittelt. Attac fordert einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Vorkommnissen rund um den Gipfel von Heiligendamm.


Mit seiner Hamburger Anwältin Britta Eder will Bastian Maaser Klage erheben. Das Verwaltungsgericht Schwerin soll die Rechtswidrigkeit der Polizei-Aktion gegen ihn feststellen, damit er Strafanzeige gegen die beteiligten Beamten stellen und Schmerzensgeld fordern kann.


Der erste Prozess gegen die Käfige von Rostock, die Betroffene immer wieder als "Klein-Guantanamo" bezeichnet haben, könnte eine ganze Welle von Klagen auslösen. Denn Bastian Maasers Erfahrung war keineswegs ein Einzelfall, sondern offenbar typisch für die Behandlung Hunderter Demonstranten im Umfeld des G8-Gipfels.


Der Student wurde am Donnerstag (7. Juni) in die
Rostocker Ulmenstraße gebracht. Zustände, wie er sie dort am eigenen Leib erleben musste, habe er sich vorher nur für das berüchtigte US-Gefangenenlager Guantanamo vorstellen können: Die Gefangenen hätten gefesselt auf dem nackten Boden gelegen. Wärter hätten sie rund um die Uhr mit Video-Kameras beobachtet. Eingesperrt waren mehr als 40 Menschen in je einen der Käfige, in denen nicht eine einzige Pritsche stand!


Am Donnerstagmorgen war der G8-Gegner aufgebrochen zu einer angemeldeten Kundgebung in Steffenshagen. "Wir liefen gegen 8 Uhr früh durch einen Wald, als Polizei in Kampf-Montur auftauchte und eine richtige Treibjagd auf Gruppen von Demonstranten begann", berichtete der gelernte Gärtner.


Auf der Straße sei eine Barrikade angezündet worden, warf die Polizei dem Demonstranten vor. "Lächerlich, nur weil ich zufällig in der Nähe vorbeigelaufen war", sagt der Student. "Davon war später auch nie mehr die Rede. Aber ich wurde mit 23 anderen abtransportiert."


Polizisten hätten seine Hände mit Plastik
-Bändern auf den Rücken gefesselt. Dann habe man ihn zu einem Gefangenen-Sammelplatz gebracht. Stundenlang hätten er und andere dort so in praller Sonne ausharren müssen.


Nach stundenlangem Warten ging es gegen 14 Uhr weiter in dieGefangenen-Sammelstelle (GeSa) in der Rostocker Ulmenstraße. Dort befanden sich sechs Käfige in einer Halle. In einem dieser Käfige landete auch Bastian Maaser.


"allein in unserer Zelle waren wir 48", berichtete er. "Sie hatten keine Decken und keine Iso-Matten oder andere Unterlagen. Vielmehr hatte jeder nur das, was er auf dem Leib trug. Ein Schluck Wasser sei Glückssache gewesen. "Manchmal gab es einen Toiletten-Gang in Polizei-Begleitung. Aber meistens wurden unsere Bitten ignoriert."


Ein Mitgefangener habe über Schmerzen geklagt, aber keine Hilfe von den Wärtern erhalten. Ihm selbst seien erst am späten Abend die engen Plastik-Fesseln abgenommen worden, nachdem er in einem Spanplatten-Verhau inmitten der Halle nochmals fotografiert und bis auf die Unterhose durchsucht worden war.


Dann bekam er endlich eine Einweg-Decke und eine millimeterdünne Matte. Doch damit wurde die Lage nur geringfügig besser als vorher.


"Ich habe gebeten, telefonieren zu dürfen", erklärte der Demonstrant. "Immer und immer wieder" habe er das versucht, "sicher über 30 mal!"


Doch diese Bitten blieben vergeblich. Auch wurde der Inhaftierte keinem Richter vorgeführt. Das jedoch hätte nach dem Polizeigesetz des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern nach einer Freiheitsentziehung "unverzüglich" geschehen müssen.


Während ein verzweifelter Mitgefangener immer wieder gegen das Gitter trat, bekam Bastian wegen des ständigen Lärms und Lichts in der Halle immer heftigere Kopfschmerzen: "Mir wurde langsam kotzübel."


Das sei "ein Gefühl von völligem Ausgeliefert-Sein" gewesen, berichteteMaaser. Man könnte das auch als Folter bezeichnen, selbst wenn der Betroffene mit dieser Wortwahl vorsichtig ist: "Sicher, wir sind nicht gefoltert worden. Aber ich habe über 18 Stunden massive Grundrechtsverletzungen erlebt!"


Gegen zwei Uhr nachts setzte ihn die Polizei einfach auf die Straße. Das geschah allerdings nicht, ohne ihm noch einen "Platzverweis" für Rostock und Umgebung zu erteilen, wie ihn auch viele andere ohne jede Begründung bekamen.


Noch heute leidet Maaser an einer Erkältung, die er sich im G8-Käfig eingefangen hat. Doch er klagt nun gegen das ungeheuerliche Vorgehen der Polizei. Schließlich fordert Artikel 1 des Grundgesetzes von allen staatlichen Organen die bedingungslose Achtung der Menschenwürde.


Franz-Josef Hanke - 20.06.2007



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