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Lügen wie gedruckt

Spoo sprach über Kriegsberichterstattung


16.06.2011 - FJH

Foto: Eckart Spoo
Eckart Spoo sprach am Mittwoch (15. Juni) über Kriegsberichterstattung (Foto: Dragan Pavolovic)
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"Mit Bildern kann die Kriegspropaganda viel wirksamer lügen als mit Worten." Aus diesem Grund warnte Eckart Spoo davor, Fernsehberichten über Kriege und internationale Konflikte uneingeschränkt zu vertrauen. Auf Einladung der Humanistischen Union Marburg (HU) und des Arbeitskreises Marburger WissenschaftlerInnen für Frieden und Abrüstungsforschung (AMW) beantwortete der langjährige Bundesvorsitzende der Deutschen Journalisten-Union (DJU) und Herausgeber der Zweimonatsschrift "Ossietzky" am Mittwoch (15. Juni) im Hörsaalgebäude der Philipps-Universität die Frage: "Wie humanitär sind unsere Kriege und was erfahren wir aus den Medien darüber?"


Kriege könnten niemals humanitär sein, stellte Spoo klar. Diese Wortwahl empfinde er angesichts von Verwundeten und Toten sowie vielen tausend Flüchtlingen als zynisch.


Eindringlich plädierte der frühere Redakteur der Frankfurter Rundschau (FR) dafür, jede Kriegsberichterstattung kritisch zu hinterfragen. Das beginne bereits bei der Wortwahl, mit der die Handlungen und Handelnden der jeweiligen Konfliktparteien dargestellt werden.


So habe es in Berichten zum Krieg in Libyen geheißen, US-Präsident Barack Obama habe den dortigen Revolutionsführer Muammar
al-Gaddafi vor Kriegsbeginn "gewarnt". Andererseits habe Gaddafi der NATO "gedroht".


Allein schon die Benennung der "Nordatlantischen Vertragsorganisation" (NATO) müsse zu denken geben, wenn sie mittlerweile Krieg in Afghanistan, dem Irak oder Libyen führe. Vom Atlantik seien diese Länder wirklich weit entfernt.


"Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen", hatte die nationalsozialistische Propaganda am 1. Septeember 1939 zur Rechtfertigung des Zweiten Weltkriegs verkündet. Dass der angebliche Überfall auf den Radiosender Gleiwitz bestellt und selbst die Uhrzeit unrichtig war, ist heute weitgehend unumstritten.


"Wird zurückgeschossen", betonte Spoo. Adolf Hitler habe nicht etwa verkünden lassen, dass er habe "zurückschießen" lassen oder dass deutsche Soldaten "zurückschießen". Durch die Wortwahl im Passiv habe seine Propaganda den Kriegsbeginn als "schicksalhaftes Ereignis" dargestellt, dem die Deutschen nicht hätten ausweichen können.


Ebenso wie damals werde die Sprache aber auch heutzutage gezielt eingesetzt, um eigene Kampfhandlungen zu legitimieren. Gegner würden häufig als "Terroristen" dargestellt, während "befreundete Gruppen als "Freiheitskämpfer" bezeichnet würden.


Deswegen riet Spoo dazu, allen Kriegsberichten grundsätzlich zu misstrauen. Auch solle man durchaus die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass "Die Eigenen" nicht "Die Guten" sein müssten, sondern möglicherweise auch "Die Bösen".


Ein wichtiger Grundsatz journalistischer Arbeit sei die Verpflichtung, bei Konflikten immer alle Beteiligten zu hören. Aufklärerischer Journalismus müsse deswegen auch Vertreter der gegnerischen Kriegspartei selbst zu Wort kommen lassen.


"Wann haben Sie in den letzten Wochen Gaddafi im Fernsehen reden gehört?" Eine Antwort auf diese rhetorische Frage erübrigte sich angesichts der einseitigen Darstellung des Libiyen-Kriegs in den bundesdeutschen Medien von selbst.


Auch Bilder könne man manipulativ einsetzen, erklärte Spoo. Zum Beleg berichtete er von Szenen, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center (WTC) in New York am 11. September 2011 weltweit ausgestrahlt wurden. Die dort gezeigten Freudenbekundungen von Palästinensern hätten mit dem Attentat aber absolut nichts zu tun gehabt.


Oft verfolgten große Medienkonzerne mit iherer Berichterstattung auch ganz eigene Wirtschaftsinteressen, berichtete Spoo. Als Beispiel nannte er die Verlagsgruppe der Westdeutschen Zeitung (WAZ), die nach dem Ende des Kosowo-Kriegs eine Vielzahl von Verlagen im Balkan aufgekauft habe.


Ohnehin sei eine tiefergehende Analyse der Hintergründe der Konflikte sowie der Interessen der daran Beteiligten eher selten. Mitunter gebe es allerdings engagierte Journalisten, die genau das versuchen. Doch oft würden ihre Berichte nicht oder nur unter Einschränkungen veröffentlicht.


Die Konzentration im Pressewesen betrachtet Spoo hier als ernsthafte Gefahr für die Demokratie. Kaum mehr als zehn Großkonzerne verfügen schon heute über einen großen Teil der Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland. Vielerorts besitze eine einzige Tageszeitung das Monopol auf die Lokalberichterstattung.


Auch die Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten seien nicht mehr in ausreichendem Maß fähig zu einer freien Berichterstattung. Seit Jahrzehnten habe sich die Politik in den Entscheidungsgremien dort breit gemacht, um die Berichterstattung ihrer Kontrolle zu unterwerfen.


Ein Gegengewicht beschrieb Spoo in der Gründung von Bürger-Bündnissen, die örtliche Zeitungen kritisch begleiten und Verstöße gegen eine wahrheitsgemäße und faire Berichterstattung anprangern. Auch Leserbriefe könnten dazu beitragen, die Redaktionen auf eine kritischere Berichterstattung umzulenken.


Engagierte Journalisten sollte man ermutigen, schlug Spoo vor. Berichte sollte man auf die darin verwendete Wortwahl und die Nachprüfbarkeit ihrer Aussagen hin überprüfen.


Immer solle man die Frage stellen, wem etwas nutzt und wer davon profitiert. Zudem solle man versuchen, sich zusätzliche Informationen aus anderen Quellen zu besorgen.


Nicht ohne Grund sei das Hören von "Feindsendern" während des Zweiten Weltkriegs unter Todesstrafe gestellt worden, erinnerte sich Spoo. Nötig sei indes gerade in Krisensituationen die Auseinandersetzung mit einer unzensierten Darstellung von Positionen beider Seiten. Aufklärerischer Journalismus müsse genau diese journalistische Grundregel verwirklichen.


Franz-Josef Hanke - 16.06.2011



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