Armee muss ihre "Helden" heilen
25.09.2009 - FJH
Immer mehr deutsche Soldaten kehren krank aus dem Einsatz zurück. Bei 152 Bundeswehr-Soldaten wurde im ersten Halbjahr 2009 nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Im Jahr 2008 waren es insgesamt 255 Soldaten gewesen, die der Krieg krank gemacht hat.
Wehrbeauftragter Reinhold Robbe hat den Bundesminister Dr. Franz-Josef Jung am Donnerstag (24. September) aufgefordert, umgehend ein spezielles Beratungs- und Erforschungszentrum der Bundeswehr einzurichten. Dort sollten die Soldaten nicht nur fachgerecht betreut werden. Zusätzlich solle hier auch die Forschung zur PTBS vernetzt werden.
Einen entsprechenden Beschluss des deutschen Bundestags habe Jung immer noch nicht umgesetzt, monierte Robbe. Die steigenden Zahlen sieht der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags jedoch als Beleg für die Dringlichkeit dieser Einrichtung an.
Eher kriegsverherrlichend ist dagegen die Reportage eines dänischen Soldaten über seine Erlebnisse in Afghanistan ausgefallen. Unter dem Titel "Jäger – im Krieg mit der Elite" beschreibt Thomas Rathsack die Einsätze einer dänischen Elite-Einheit am Hindukusch. Sein Buch kommt am Freitag (25. September) neu auf den dänischen Markt.
Bereits am Mittwoch (16. September) hatte die Tageszeitung "Politiken" den vollständigen Bericht abgedruckt. Für Donnerstag (17. September) war eine Gerichtsverhandlung über den Antrag der dänischen Armee anberaumt. Sie wollte die Auslieferung des Buchs verhindern.
Die Berichte gefährdeten die Sicherheit der dänischen Soldaten, hieß es zur Begründung. Sie seien eine "Gebrauchsanleitung für die Taliban".
Das Kopenhagener Gericht sah das ganz genauso. Dennoch wies es die Klage gegen eine Veröffentlichung des Buchs ab. Die Meinungs- und Pressefreiheit wiege hier schwerer als das Sicherheits-Interesse der Regierung, zumal der Inhalt des Buchs ohnehin schon veröffentlicht sei.
Darin beschreibt Rathsack beispielsweise, wie er mit Kollegen einen Verhandler auf dem Weg zu Geheimgesprächen mit Stammesführern begleitet hatte. Die dänischen Soldaten seien dabei mit Turban und weiten Gewändern bekleidet gewesen. Darunter trugen sie schusssichere Westen, Pistolen und Messer.
Wahrscheinlich werden Auszüge aus Rathsacks Buch bald auch in deutscher Sprache zirkulieren. Wohlmöglich werden auch weitere Schilderungen ähnlicher Art erscheinen. Vielleicht wird es dabei sogar einen Wettstreit darum geben, wer die härtesten Stories über den Krieg am Hindukusch zu Papier bringt.
Ein derartiger Django-Voyeurismus auf der einen Seite und die seelischen Erkrankungen von Soldaten auf der anderen Seite sind zwei Seiten der selben Medaille. Einerseits erleichtert die Schilderung grausamer Erfahrungen dem Betreffenden seinen Umgang damit. Andererseits hilft es den staatlich gedungenen Mördern moralisch weiter, wenn sie sich als "Helden" darstellen und damit selbst gut fühlen können.
Eine friedliebende Gesellschaft indes sollte sich sehr hüten, derartiges "Heldentum" zu bewundern und damit das mörderische Geschäft der Militärs zu unterstützen. "Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht entstellt das Gesicht", schrieb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg der berühmte deutsche Dichter Bertolt Brecht "An die Nachgeborenen".
Franz-Josef Hanke - 25.09.2009