Heftig und laut ist das Wehgeschrei immer, wenn sich Gewalttaten wie der Amoklauf im Gymnasium Carolinum Ansbach oder der Mord eines hilfsbereiten Geschäftsmanns in einer S-Bahn-Station in München ereignen. Doch schon wenige Tage später breitet sich der gnädige Mantel des Vergessens wieder über diese entsetzlichen Vorgänge aus und die bundesdeutsche Gesellschaft wurstelt weiter wie vorher.
Dabei hätte sie genügend gute Gründe, einmal innezuhalten und nachzudenken: Wie kommt es zu solchen Gewalttaten junger Menschen? Wie war es möglich, dass sie so wenig Mitgefühl hatten mit anderen?
Würden die Bundesbürgerinnen und –bürger diese Fragen einmal ehrlich beantworten, dann müssten sie zugeben, dass die Verrohung der Sitten seit Jahrzehnten Einzug gehalten hat im bundesdeutschen Alltag. Rücksichtsloser Egoismus ist an die Stelle von nachbarschaftlicher Solidarität getreten, wie sie noch in den 60er und 70er Jahren in Deutschland üblich war. Entgrenzter Individualismus ist an die Stelle sozialer verhaltensweisen getreten, die Kindern und Jugendlichen seinerzeit noch vermittelt wurden.
Natürlich war nicht alles gut damals, wie mancher es vielleicht nun gerne meinen möchte. Die Kehrseite der gesellschaftlichen Solidarität war eine – mitunter unerträgliche – soziale Kontrolle. Und die Kehrseite der Einübung sozialer Verhaltensweisen waren gelegentlich fast soldatischer Drill und häufig autoritärer Anpassungsdruck.
Dennoch sollten die Menschen den neoliberalen Zeitgeist grenzenloser Gier und rücksichtsloser
Abdrängung in die sogenannte "Eigenverantwortung" einmal kritisch hinterfragen. Wer über Gewalt wie in München und Ansbach oder den Angriff von Jugendlichen auf eine Frankfurter U-Bahn-Fahrerin am Mittwoch (16. September) erschrocken ist, der sollte sich vielleicht auch einmal Gedanken über strukturelle Gewalt in der bundesdeutschen Gesellschaft machen.
Hartz IV und die neoliberalen Phrasen der sogenannten "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) haben die Mitmenschlichkeit in Deutschland nachhaltig untergraben. Zwar sind sie nicht allein verantwortlich für Gewalttaten wie die in Ansbach oder München, doch haben sie ein Klima mit aufgebaut, das derlei Verzweiflungstaten begünstigt. Auch wenn eine solidarischere Gesellschaft nicht alle Gewalttaten verhindern würde, könnte sie doch mehr Mitgefühl mit den Zu-Kurz-Gekommenen praktizieren und solchen Jugendlichen helfen, ihren Platz im Leben zu finden. Das wäre eine wichtige Aufgabe.
Deswegen sollten Stimmberechtigte im Vorfeld der Bundestagswahl am Sonntag (27. September) auch für eine Abkehr von neoliberalen politischen Modellen und für mehr gesellschaftliche Solidarität votieren. Schließlich gilt auch mehr als 125 Jahre nach Karl-Eduard von Liszts "Marburger Manifest" immer noch sein kluger Leitsatz: "Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik."