Gut ein Jahr nach dem Krieg im Kaukasus stellt sich die Lage dort durchaus differenziert dar. Wirtschaftliche Spannungen zwischen Georgien und seiner abtrünnigen Provinz Abchasien verschärfen sich. Gleichzeitig ist jedoch erkennbar, dass Abchasien seine einseitige wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland verringern möchte.
Dazu bedient sich die Region an der Schwarzmeerküste der Möglichkeiten des Schiffsverkehrs. Von der Türkei aus beliefern Schiffe Abchasien mit Waren.
Die georgische Zentralregierung betrachtet diese Lieferungen als illegalen Schmuggel. Viermal hat die georgische Küstenwache deswegen in diesem Jahr schon Schiffe gestoppt. Ihre Ladung wurde beschlagnahmt. Ihre Mannschaft wurde inhaftiert.
Zum letzten Mal wurde am Montag (17. August) ein
Schiff aufgebracht, das von der Türkei aus über das Schwarze Meer unterwegs war zur abchasischen Hauptstadt Sochumi. Der Tanker unter panamaischer Flagge hatte 3.000 Tonnen Benzin und 775 Tonnen Dieselkraftstoff geladen. Nach Angaben der georgischen Behörden befanden sich auf dem Schiff 13 Seeleute türkischer Herkunft und vier Seeleute aus Aserbaidschan.
Die türkische Regierung bedauerte den Vorfall. Sie betrachtet Abchasien als integralen Bestandteil Georgiens.
Besorgt über die wachsenden Spannungen hatte sich anschließend die
Beobachter-Mission der Europäischen Union (EU) in Georgien "EUMM" geäußert. Die EUMM forderte Abchasien, Georgien und Russland auf, ein für Dienstag (8. September) geplantes Treffen in Gali zu nutzen, um die Spannungen abzubauen.
Der abchasische Ministerpräsident Sergej Bagapsch hatte seine Schiffe angewiesen, Schiffe der georgischen Küstenwache zu zerstören, wenn sie in abchasische Hoheitsgewässer vordrängen. Russland hatte zudem angekündigt, mit seiner Marine Schiffe nach Abchasien zu geleiten.
Allerdings könnte Russland Abchasien problemlos auf dem Landweg beliefern. Die Schiffsladungen aus der Türkei bezieht die abtrünnige georgische Region eindeutig mit dem Ziel, mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit von seiner Schutzmacht zu gewinnen. Schließlich möchte die Region von der Größe des Saarlandes nicht das Schicksal Südossetiens erleiden, das inzwischen zu Nordossetien hinzu und damit nach Russland eingegliedert worden ist.
Bereits im Mai 2009 hatte der
Textilhersteller Benetton seinen Plan wieder fallenlassen, eine Filiale in Sochumi zu eröffnen. Das georgische Außenministerium hatte nach Bekanntwerden der Pläne den türkischen Botschafter in Georgien einbestellt. Zudem hatten die Mitarbeiter alle Filialen von Benetton in Georgien geschlossen.
Eigenen Angaben zufolge macht Benetton in Georgien rund 2 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Der georgische Finanzminister hatte spitzbübisch erklärt, seine Regierung werde auch der Eröffnung einer Bennetton-Filiale in Sochumi zustimmen, wenn Benetton die Steuern an die georgischen Behörden überweise. Das hätte die abchasische Regierung freilich niemals geduldet.
Letztlich befindet sie sich in einer echten Klemme: Aus der staatlichen Zugehörigkeit zu Georgien ist Abchasien in die Arme des russischen Bären geflüchtet, der das winzige Ländchen nun mit seinen riesigen Pranken schier erdrückt.