Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die internationale Gemeinschaft immer noch auf der Suche nach einer universellen Weltordnung, die das friedliche Miteinander der Staaten organisieren soll. Einerseits "wiederholt sich Geschichte", andererseits will man keine alten Fehler begehen. Die Furcht vor einem Dritten Weltkrieg ist Abschreckung genug.
Maßgeblich ist allerdings die Frage, ob es eine supranationale Instanz als zentrale Macht in der "anarchische" internationalen Politik gibt, die sich nicht nur für den Erhalt des Bedingungszusammenhangs des Wettbewerbssystems einsetzt, die "kritische Spannung" aus dem Spiel hält, die allgemein bestehende Bedrohung maximal reduziert, sondern auch wie
im "Leviathan" des britischen Philosophen Thomas Hobbes durch Furcht vor ihrer Macht die allgemeine Sicherheit und die friedliche Koexistenz sichert. Um diese Frage beantworten zu können, sollen die Konfliktbegriffe zweier Theorien bezüglich ihrer Konfliktaustragung und Regulierung gegeneinander gestellt werden.
Im Zuge der zwei Weltkriege und des danach entstandenen Ost-West-Konflikts haben sich die bestehenden Vorstellungen und Werte in der internationalen Politik grundsätzlich geändert. Eine Moralvorstellung, die für die Schaffung einer friedlichen, harmonisierten Welt zuständig war, ist irgendwie verschwunden.
Wissenschaftler haben Begriffe entwickelt, die für die bestehende Ordnung zutreffend erschienen. Der US-amerikanische Politologe
Hans Joachim Morgenthau war einer von denen, die den Begriff "Realismus" in der internationalen Politik eingebracht haben.
Die Geschichte hat gezeigt, dass das menschliche Handeln anderen gegenüber durch Eigeninteressen geprägt ist. Allerdings ist das bei Hobbes begründete menschliche Handeln nicht immer "negativ" zu verstehen. Denn genau dieses Handeln ist die Vorraussetzung zur aktuell bestehenden politischen Ordnung.
"Menschliche Vernunft sei sowohl für positive Zwecke kreativ einsetzbar als auch für negative Zielsetzungen", erklärt Morgenthau. "Die Lösung dieses Dilemmas sucht der Mensch in einem - am Eigeninteresse orientierten - Machtstreben, das somit zum Grundmotiv allen politischen und gesellschaftlichen Handelns wird."
Morgenthau beschreibt in seinem Werk "Politics among Nations", dass Politik ein Kampf um Machtanhäufung und Machterhalt ist. Die internationale Politik sei nichts anderes als eine "Kampfarena", wo man durch Machterwerb die Sicherheit des eigenen Staats gewährleisten könne.
Diese Aussage entspricht Hobbes "Leviathan", wo es heißt: "Menschen streben nach Macht nicht um ihrer selbst willen, sondern sie verfolgen mit dem Machterwerb eigene Interessen."
Das Streben nach Macht ist also auch eine Zweck-Mittel-Relation. Staaten verfolgen also dadurch zweierlei Ziele: Erstens wollen sie die eigene Existenz sichern und zweitens die eigenen Interessen.
Kritiker von Morgenthau behaupteten allerdings, dass solch ein Verhalten eines Staates nicht nur durch menschliches Verhaltensmuster zu erklären sei, sondern auch durch die "Arena", wo die internationale "Gemeinschaft" aufeinander trifft. Im Gegensatz zu "Leviathan" unterliegt die internationale Staatenwelt der Anarchie.
Im anarchischen System sind Staaten auf sich selbst gestellt. Die Anhäufung der Macht deutet auf die strukturelle Unsicherheit innerhalb dieses Systems hin. Daraus folgt: "Aus der realistischen Sicht ist Konflikt keine dysfunktionale Störung des internationalen Systems, sondern geradezu charakteristische Naturzustand der anarchischen Gesellschaft.“
Die internationale Gemeinschaft befindet sich also stets in einem Wettbewerb um Macht oder - anders gesagt - im permanenten Zustand des latenten Konfliktes: „Among states the state of nature is the state of war", erklärt Morgenthau. "Among men as among states, anarchy or absence of government is associated with the occurrence of violence.“
Es ist allerdings auch sehr interessant, diese Annahmen in der internationalen Politik anhand der politischen Ökonomie zu durchleuchten, denn Staaten sind unter anderem auch Nutzen maximierende egoistische Akteure. Daraus resultiert auch, dass Staaten trotz ihrer Autonomie Kooperationen miteinander eingehen. Sie exportieren und importieren und versuchen durch internationale Arbeitsteilung, das Wohlergehen der eigenen Nation zu steigern. Das geschieht "aber zum den Preis, dass sich die Staaten in immer engere Interdependenzbeziehungen einbinden".
Trotzdem hat die Sicherheit des Staates höchste Priorität. Erst wenn die Sicherheit gewährleistet ist, folgen dann andere Entwicklungsfaktoren. Deswegen kann man auch die Kooperation zwischen Staaten - realpolitisch betrachtet - als einen gewissen Akt von Ausbalancierung der Macht angesichts einer wahrgenommenen Bedrohung verstehen.
In dem 70er Jahren hat
Werner Link auf der Basis der Annahmen des Neorealismus eine weitreichende strukturelle Konflikttheorie entwickelt. Sie besagt, dass der Wettbewerb um Macht und Sicherheit ein prägendes Merkmal der internationalen Politik darstellt. Im Gegensatz zu "Leviathan" stellt das internationale System ein anarchisches Grundgerüst dar. Im Grunde genommen ist es der "Naturzustand" nach Hobbes.
In diesem Wettbewerbszustand konkurrieren Staaten um Macht, um die Sicherheit und den Wohlstand der Nation zu gewährleisten. Dabei ist die Tatsache zu beobachten, dass Staaten nicht nur konvergierende Interessen verfolgen, sondern auch gemeinsame Ziele besitzen können. Genau diese gemeinsamen Interessen begründen auch die zwischenstaatliche Kooperation. Der Wettbewerb bleibt dabei jedoch erhalten.
Im Rahmen dieser Konstellation ist es angebracht, den Konfliktbegriff näher zu definieren und dadurch auch eine gewisse Abgrenzung zu leisten. Erst wenn der Wettbewerb sich zum Konflikt aufschaukelt, kann man einen deutlichen Unterschied zwischen Wettbewerb und Konflikt feststellen.
Nach einer etwas schwammigen Unterscheidung stellen Konflikte eine verschärfte Wettbewerbskonstellation dar. Den Akteuren sind dabei die konvergierenden Interessen bewusst. Diese Interessen bestimmen auch ihr Verhalten.
Diese Merkmale sind jedoch nicht ausreichend für eine restriktive Trennung der zwei Begriffe. Ein drittes Kriterium würde allerdings die Sache abrunden. Eigentlicher Konfliktverursacher und Unterscheidungsmerkmal ist eine gewisse "kritische Spannung", die ins Wettbewerbsspiel eintreten kann und dieses Spiel auch gefährden kann.
Akteure sind dann bereit, den bestehenden Beziehungszusammenhang aufzugeben. Link bezeichnet den Konflikt als: "Prozess, in dessen Verlauf unvereinbare Tendenzen eine kritische Spannung erzeugen, in dem diese Unvereinbarkeit erstens den Akteuren bewusst und zweitens für ihr Handeln bestimmend wird und drittens die Organisation beziehungsweise Struktur der die Akteure integrierenden Einheit potentiell oder aktuell gefährdet".
Anarchie tritt also im Grunde genommen erst dann ein, wenn der Wettbewerb konfliktbehaftet ist und dabei eine kritische Spannung auftritt. Es ist durchaus zu untersuchen, unter welchen Bedingungen die konvergierenden oder divergierenden Interessen zum Konflikt führen können. Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch von immenser Bedeutung, den Unterschied zwischen dem "Leviathan" und dem Neorealismus zu verdeutlichen. Angesichts der Konfliktaustragung und Konfliktregelung kann er eine entscheidende Rolle innehaben. "Während in der hierarchischen Bedingungskonstellation die Akteure letztlich einer staatlichen Zwangsgewalt unterliegen, die modifizierend auf den Konfliktaustrag und die Regulierung des Konfliktes einwirken kann, fehlt in der anarchischen Bedingungskonstellation eine übergeordnete Zwangsgewalt."
Das System der internationalen Politik scheint also ein Dilemma zu haben. Wenn ein Staat aufrüstet um der eigenen Macht und Sicherheit willen, fühlt ein anderer Staat sich bedroht und rüstet ebenfalls auf. Wie Schrecken erregend es auch klingt, diese Strukturen sind klar erkennbar. Die Formel heißt: Steigende Tendenzen des Wettrüstens münden in einen schier ausweglosen Teufelskreis.
Doch Staaten kooperieren miteinander, maximallen Gewinn aus dem Wettbewerb zu ziehen. Die divergierenden und konvergierenden Interessen gleichen sich aus in einem Balance-Akt, den man als Machtverteilung zwischen den Akteuren verstehen kann.
Konflikte regulieren sich teilweise durch Machtverteilung. Konflikte werden nicht gelöst, sondern die beste Formel heißt: Durch zwischenstaatliche Kooperation begrenzt man Machtanhäufung.
Die Bedrohungsgefahr sinkt. Es bleibt bloß bei "harmlosem" Wettbewerb. Der bestehende Beziehungszusammenhang bleibt also erhalten.
Am 5. Juli 2009 veröffentlichte der amerikanische Präsident Barack Obama einen Vorschlag zur totalen atomaren Abrüstung weltweit in seiner "Global-Zero"-Erklärung. Kritiker erklärten diesen Vorschlag jedoch für unrealistisch.
So ist eben die "realpolitische" Sachlage im "Naturzustand". Was der Welt fehlt, ist eine "Dritte Gewalt", ein "Leviathan".
"US-Präsident Barack Obama hat in einer Grundsatzrede zum Verhältnis zwischen den USA und Russland die gemeinsamen Interessen betont", berichtete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) am 8. Juli 2009. " Es liege nicht in der Bestimmung der beiden Staaten, Gegner zu sein", erklärte er.
"Die Grundsatzrede Obamas an der New Economic School am Dienstag war von seinen Beratern auf eine Stufe mit jenen in Prag und Kairo gestellt worden", schreibt die NZZ weiter. "In Tschechien hatte Obama von der Vision einer Welt ohne Atomwaffen gesprochen. In Ägypten hatte er für ein neues Verhältnis mit der muslimischen Welt geworben. In der Rede in Moskau warb der US-Präsident für eine neue Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Russland. Die USA hätten ein Interesse an einem starken, friedlichen und prosperierenden Russland, betonte Obama."
Obamas Vorstoß ist ein Paradigmenwechsel in der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Er fußt auf Überlegungen, die einerseits von wirtschaftlichen Zwängen geprägt sind, andererseits aber auch auf grundlegenen Erwägungen zur Sicherung des internationalen Friedens.
Indem man zwei höchst aktuelle politische Theorien miteinander vergleicht, kann man die Gemeinsamkeiten und Differenzen bezüglich der Konfliktaustragung und der Konfliktregulierung aufzeigen. Die Idee dabei war unter anderem, den von Obama vorgeschlagenen Ansatz zur totalen atomaren Abrüstung "Total Zero" unter das Dach eines "Leviathan" zu stellen.
Die Rede ist hier vom UNO-Sicherheitsrat, der weiterhin eine enttäuschende und kostspielige Existenz fristet. Die seit Langem angekündigte Reform des UN-Sicherheitsrats lässt leider immer noch auf sich warten.