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Mit den realpolitischen Wölfen heulen?

Thomas Hobbes "Leviathan" und das atomare Wettrüsten


22.07.2009 - mp


"Angst ist ein schlechter Ratgeber", sagt der deutsche Volksmund. Doch nach dem britischen Naturphilosophen Thomas Hobbes war die weit verbreitete Furcht vieler Menschen vor ihren Mitmenschen der Grund, sich zu Staatswesen zusammenzuschließen. Könnte seine Philosophie nun auch im Verhältnis der Staaten zueinander Schule machen?


Hobbes legte seine Überlegungen in dem Buch "Leviathan" dar. Seine politische Philosophie entstand im 16. Jahrhundert im Zuge der andauernden Konflikte auf dem europäischen Kontinent. Besonders intensiv beschrieb Hobbes diesen friedlosen Zustand in England, wo der "göttlichen Herrschaft" ihre Legitimation entzogen wurde und militärische Auseinandersetzungen zwischen dem Katholizismus und dem Protestantismus ihren Höhepunkt erreichten.


Durch die Exekution des protestantischen Königs Karl I. im Jahr 1690 endete die bis dahin geltende politische Ordnung, in der die binnengesellschaftlich existierende Macht-Konkurrenz sich zuvor organisiert hatte. Das Parlament siegte. Die konstitutionelle Monarchie wurde eingeführt.


Der "Leviathan" von Hobbes ist allerdings nicht nur für diese Epoche überaus zutreffend, sondern er ist eine durchaus universelle politische Schrift. Hobbes war überzeugt, dass nach der Abschaffung der geltenden politischen Bindung eine Nutzen-Kalkulation der Individuen die einzig verbliebene Quelle der Ordnung stiftenden Struktur darstellt. Damit sei auch der andauernde innergesellschaftliche Konflikt zu erklären.


Hobbes sah dieses Chaos als eine große Herausforderung für die Menschheit an. Nun konnte sie eine stabile politische Ordnung schaffen, die für dauerhaften Frieden sorgen sollte.


Sein berühmter Ausspruch "Homo Homini Lupus" beschrieb den "natürlichen Zustand" des Menschen als "Wolf" des jeweils anderen. Immer wieder werden menschliche Eigenschaften wie Konkurrenzverhalten, Misstrauen und Ruhmsucht als Konfliktursachen genannt.


Dennoch beschreibt diese Klassifizierung das Wesen des Menschen doch nicht. Was die Menschen ausmacht, ist doch ihre Sozialisation und daraus entstandene Konflikte, meint Hobbes: "Bestimmte Einflüsse rufen bestimmte Reaktionen hervor. Und wie der Körper auf physische Perturbationen reagiert, reagieren die Individuen auf andere Individuen in einer bestimmten Art und Weise, indem sie sich gegen mögliche Angriffe wappnen."


Aus Angst und dem daraus erwachsenen Wunsch nach Selbstverteidigung entsteht laut Hobbes eine grundsätzliche Gewalt-Orientierung: "Die Ursache des Konflikts resultiert also nicht aus der Natur des Menschen, sondert aus dem Zustand seiner Soziabilität."


Das Streben nach Glück, Gütern und Sicherheit sei weder gut, noch böse. Wenn Hobbes von Eigenschaften des Menschen wie Neid, Hochmut, Ehrsucht und Rachsucht spricht, dann sind diese Eigenschaften in einer Gesellschaft zu beobachten, in der nicht genügend "organisatorische Sanktionen" für die politische Ordnung gewährleistet sind.


Einerseits leben Menschen gern in Frieden, andererseits fällt es den Menschen sehr schwer, solch einen Zustand zu erreichen. "Die Vernunft der Natur legt friedliches Verhalten nahe", schreibt Hobbes. "Aber dieses Potential kann der Mensch nur in einem politischen System realisieren, das ihn der unmittelbaren Selbstverteidigung und der Abwehr-Imperative enthebt. Erst die Vergesellschaftung lässt den ersten, friedensorientierten Teil des grundlegenden Gesetzes der Natur möglich werden."


Den vorgesellschaftlichen Zustand bezeichnet Hobbes als "Naturzustand", wo jedes Individuum jeden als eine gewisse Bedrohung wahrnimmt. Wenn man bei Hobbes "Leviathan" nach einer anthropologischen Grundlage für menschliches Verhalten sucht, dann ist das eben die Existenzsicherung als solche. Genau diese Grundlagen im "Naturzustand" gleichen einem andauernden Krieg von Jedem gegen Jeden. Es ist ein Zustand des puren "Wahnsinns", in dem das auch teilweise anthropologisch begründete Macht- und Gewaltpotential nicht im Zaum gehalten wird.


Das Leben in der Furcht lässt keinen Platz für gesellschaftliche Aktivitäten wie Kunst, Musik, Beruf und Angeln. Im Naturzustand ist das Leben eben "einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz".


Teilweise übernimmt Hobbes eine scholastische Aristoteles-Interpretation, wonach alle Tugenden des Menschen den Anspruch des universellen erheben wie Gerechtigkeit, Dankbarkeit, Bescheidenheit und Mitleid. Gleichzeitig sagt er aber, dass diese Tugenden keine ausreichende politische Legitimation erzwingen können, Ordnung zu stiften. Notwendig sei vielmehr eine politische Ordnung in Form eines durch Macht legitimierten künstlichen Körpers.


"In der Regulierung der allgemeinen Unsicherheit des Naturzustandes integrieren sich die einzelnen zum Staat. Macht wird so zum Instrument der Friedenssicherung."


Als Konfliktlösung stellt Hobbes einen freiwilligen gegenseitigen Gewaltverzicht aller Individuen vor: "Jedermann soll freiwillig, wenn andere ebenfalls bereit sind, auf sein Recht auf alles verzichten, soweit er dies um des Friedens und der Selbstverteidigung willen für notwendig hält. Und er soll sich mit soviel Freiheit gegenüber anderen zufrieden geben, wie er anderen gegen sich selbst einräumen würde."


Also liegt gegenseitiger Gewaltverzicht eigentlich in Interesse jedes Einzelnen. Diesen Gewaltverzicht können die Menschen allerdings nicht ohne einen "Dritten" verwirklichen. Dieser "Dritte" ist dabei derjenige, der für die Sicherheit der einzelnen Individuen sorgt.


Gemeint ist hier der Staat als künstlicher politischer Körper, der als Instrument für gegenseitigen Gewaltverzicht auftreten soll. Der Staat ist souverän und besitzt ein Gewaltmonopol. Seine politische Ordnung müsse so mächtig sein, dass sie durch den Respekt aller in sie integrierten Individuen den gegenseitigen Gewaltverzicht erzwingt: "Die Angst vor Leviathan sichert den Frieden."


Wie paradox es auch klingen mag, Tatsache ist, dass durch neue Furcht Menschen von ihrer unerträglichen Angst im "Naturzustand" befreit werden: "die unerträgliche Furcht der Menschen des Naturzustands kann nur durch den Schrecken der souveränen Gewalt - also durch neue Furcht - in eine Friedensordnung überführt werden."


Eine sehr lange Zeit ist vergangen seitdem Hobbes diese politische Schrift verfasst und veröffentlicht hat. Der "Leviathan" ist zwar sehr alt, erfasst aber doch immer noch auch die aktuelle politische Weltlage. Man kann das Werk sogar auch auf das Verhältnis von Staaten untereinander beziehen.


Ein recht offensichtliches Beispiel für den "Naturzustand" nach Hobbes im Verhältnis zwischen Staaten ist der sogenannte "Kalte Krieg". Wahrscheinlich hätte Hobbes dafür nur einen anderen Namen gefunden, doch vom "Naturzustand" unterscheidet sich das Zeitgeschehen in den 50er bis 80er Jahren kaum.


Das atomare Wettrüsten und die Gründung von "NATO" und "Warschauer Pakt" sind Stichworte, die man eigentlich auch im "Naturzustand" vorfinden würde. Staaten traten hier gegen andere Staaten an, um die eigene Existenz zu sichern. Zu diesem Zweck bewaffneten sie sich mit Atomsprengköpfen.


Immer höher schraubte sich die Spirale des Wettrüstens zwischen NATO und Warschauer Pakt nach oben. Der vielfache "Overkill" wurde zu einer beängstigenden Wirklichkeit im "Kalten Krieg". Die gegenseitige "Abschreckung" war so wichtig geworden, dass einige Staaten auf Kosten ihres Wohlstands Milliardensummen in Atomwaffen investierten.


Auch in jüngster Zeit praktiziert Nordkorea diese Verhaltensweise. Das Volk hungert, während das Regime Atomsprengköpfe und Mittelstreckenraketen testet.


Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri hat Zahlen für die höchsten Rüstungsausgaben weltweit im Jahr 2008 veröffentlicht:
USA 607 Milliarden US-Dollar, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 41,5%
China 84,9 Milliarden US-Dollar, Anteil an den weltweiten Ausgaben 5,8%
Frankreich 65,7 Milliarden US-Dollar, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 4,5%
Großbritannien 65,3 Milliarden US-Dollar, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 4,5%
Russland - 58,6 Milliarden, Anteil an den weltweiten Ausgaben:4%
Deutschland - 46,8 Milliarden, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 3,2%
Japan - 46,3 Milliarden, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 3,2%
Italien - 40,6 Milliarden, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 2,8%
Saudi-Arabien - 38,2 Milliarden, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 2,6%
Indien - 30 Milliarden, Anteil an den weltweiten Ausgaben: 2,1%


Am 5. Juli 2009 veröffentlichte der amerikanische Präsident Barack Obama einen Vorschlag zur totalen atomaren Abrüstung mit seiner "Global-Zero"-Erklärung. Dieser Vorstoß wurde mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen. Gleichzeitig wurde er aber als "utopischer Traum" bezeichnet. So wirkt sich eben im "Naturzustand" die vermeintliche "realpolitische" Ausrichtung der Staaten aus.


Was der Welt fehlt, ist der "Leviathan als "Dritte Gewalt". In ihrer derzeitigen Struktur können die Vereinten Nationen (UN) diese Funktion aber nicht ausfüllen. Gesucht werden müsste deswegen nach einer Organisationsform, die durch ihre demokratische Legitimation und eine große Unparteiigkeit den Respekt aller Menschen auf der gesamten Erde genießt.


Mikheil Peradze - 22.07.2009



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