Lachen befreit. Diese altbekannte Wahrheit gibt genügend Grund zu einer Untersuchung der Wirkung von Humor bei der Lösung von Konflikten.
In repressiven Systemen dient der politische Witz einer eher kritischen Bevölkerung als Ventil. Sie kann sich damit in Opposition zum Regime stellen, ohne ganz offen Partei ergreifen zu müssen. Der Witz definiert seinen Erzähler als kritischen Geist, ohne dass er gleich auf die Barrikaden gehen müsste.
Der politische Witz ist eine subtile Form der Subversion. Ein guter politischer Witz macht die Herrschenden lächerlich und kratzt damit an ihrer Autorität. Zugleich tarnt er die enthaltene Kritik in zweideutigen Wortspielen, die der Zuhörer zwar verstehen kann, aber nicht unbedingt kritisch interpretieren muss.
Ein bekanntes Beispiel derartigen Humors war der deutsche
Kabarettist Werner Finck. Wenn er beim Schneider zum Anprobieren der neuen Uniform den rechten Arm hob und auf die Frage nach der Bedeutung dieser Geste angab, sie veranschauliche "aufgehobene Reche", dann war er auf härtere Nachfrage der Geheimen Staatspolizei (GeStaPo) des nationalsozialistischen Gewealtregimes in der Lage, den gleichen Witz mit der Bemerkung "erhobene Rechte" zu entschärfen und so seine Haut zu retten.
Witze können auch zur Zugehörigkeit zu einer politischen oder sozialen Gruppe beitragen oder jemanden daraus ausschließen. Die Methode der temporären Verbannung aus einer sozialen Gruppe und ihren Privilegien bezeichnet man als "sozialen Ostrazismus".
Ostrazismus - auch griechisch Ostrakismos genannt - war ein politisches Verfahren im alten Athen, um unliebsame Bürger vom politischen Geschehen des Landes fernzuhalten. Der Begriff stammt ursprünglich vom "Ostrakon", was so viel wie "Tonscherbe" bedeutet. Bruchstücke von Tongefäßen hat man in der griechischen Antike als "Stimmzettel" benutzt.
Sowohl in sozioökonomischer als auch in politischer Lesart betrachtet, kann man dem Begriff "Ostrazismus" eine weitreichende Bedeutung zuschreiben. Zu seinem Merkmalskatalog gehören vielerlei Termini wie Exklusion und Inklusion, Exkommunikation oder ebenso eine gesellschaftliche Statusveränderung.
Ostrazismus ist auch ein Instrument zur Manipulation von Konflikten und Interessenkonfluenzen. Das geschieht mittels einer Regulierung des Zugangs zu Ressourcen.
In einer anderen Perspektive ist gemäß eines Ausspruchs des britischen
Philosophen Thomas Hobbes "der Mensch des Menschen Wolf". Die andere Seite der Medaille heißt allerdings: der Mensch ist des Menschen Gott.
Der amerikanische
Zoologe Prof.Dr. Richard D. Alexander legt dem sozialen Wesen des Menschen weitaus ähnliche Merkmale zugrunde. Seiner Behauptung nach unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Organismen vor allem durch zwei Aspekte:
Durch weitaus komplexere Interessenkonflikte und
durch noch komplexere Instrumente und Verhaltensmechanismen, solche Konflikte zu meistern.
Die hochkomplexe menschliche Interaktion bezüglich der Fähigkeit zur Kooperation und Konkurrenz zeichnet sich durch das "Verhältnis zwischen kurzfristigen und langfristigen Kosten und Nutzen" aus, die "kontinuierlich zu regulieren" sind. In dieser Hinsicht haben sich Intelligenz, bewusste Planung und Vorrausicht als probates Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen erwiesen.
Alexander versucht hier, eine Brücke zwischen Ostrazismus und Humor zu schlagen, da er der Meinung ist, dass durch Humor oder auch durch Tricks gewisse Statusveränderungen einzelner Individuen oder Gruppen herbeigeführt werden können. "Tricks sind Kunstgriffe, um den Status derjenigen, auf deren Kosten sie angewandt werden, zu verringern und den Status derjenigen, die sie anwenden, zu erhöhen. Witze zu erzählen und über sie zu lachen, sind Wege, um den Status zu seinen Gunsten zu korrigieren."
Neben seiner Hypothese in Bezug auf den Ostrazismus kann Humor nicht nur gewisse Statusveränderungen einer Partei bewirken, sondern auch das Zusammenhalten und das Zugehörigkeitsgefühl fördern. Andererseits ist er auch imstande, Ausgrenzung zu manifestieren. Beispiele dafür sind Blondinen- oder Ostfriesenwitze, Witze über Manta-Fahrer oder über ethnische Minderheiten.
Es ist durchaus festzustellen, dass Humor zwei Seiten einer Medaille besitzt. Humor kann Einfühlungsvermögen beweisen oder Feindseligkeit ausdrücken.
"die Funktion des Humors besteht darin ..., die Beziehungen innerhalb der Gruppe zu festigen, Befriedigung auf Kosten einer anderen Gruppe zu erreichen und in jüngerer Zeit als Weg, sich ein neues Image zu schaffen und als Träger sozialer Veränderungen aufzutreten. Die Rolle des Narren in der Gesellschaft ist als niedrig - aber geachtet - beschrieben worden. Der Narr dient als Sündenbock und als ein Mittel, die Angemessenheit der Gruppennormen zu verstärken."
Alle diese Faktoren beeinflussen zusammengenommen die Konflikt-Austragungsformen in einer interessengeleiteten Gesellschaft und demzufolge auch den Konflikt-Ausgang. Dadurch kommt es häufig vor, dass Menschen aufgrund ihres "Temperaments" und ihrer Grundauffassung zu heißen Austragungsformen neigen. Doch in einer sehr formalistischen und das Risiko meidenden Kultur verlaufen Konflikte eher kalt.
Genau bei diesem kalten Verlauf von Konflikten ist Humor unter anderem eine gewisse Strategie oder ein Mittel, Interessenkonfluenzen zu "stabilisieren". Menschen verkehren tagtäglich entweder mit bewusster oder mit ungewollter Intention miteinander. Das Resultat dieser expliziten oder impliziten Manifestation der Handlungsstränge samt deren Absichten mündet in eine Exklusion oder auch in eine Inklusion von Gruppen oder deren einzelnen Mitgliedern ein
Wenn Menschen lachen, dann kann das also für andere zum Weinen sein. Gemeinsames Lachen bestärkt und bestätigt. Misslich hingegen ist, wenn man selber das Objekt fremder Witze ist. Insofern kann auch Humor eine sanfte wie genauso gut auch eine sehr scharfe Waffe werden.