Rezension des neuesten Buchs von Elmar Altvater
18.08.2008 - vym
InProf. Dr. Elmar Altvaters Buch "Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen" wird eine radikale Kritik des Kapitalismus dargestellt. Kapitalismus in der bisher bekannten Form gerate an seine Grenzen. Deswegen soll eine Alternative entwickelt werden.
Obwohl in der heutigen Zeit die ganze Lebensordnung an ihn geknüpft ist, gibt es wesentliche Gründe wie Weltmarkt-Krisen, Naturkatastrophen, Armut und ungleichmäßige Verteilung des Kapitals, die darauf hinweisen, dass es notwendig ist, über Alternativen zum herrschenden Kapitalismus nachzudenken.
Das hat Elmar Altvater in seinem Buch versucht.
"Eine andere Welt ist möglich", schreibt er. Angefangen mit einem historischen Rückblick auf die Entstehung des Begriffs "Kapitalismus“ und mit einer Analyse der inneren Widersprüche, schlägt er am Ende seiner Utopie die Konzeption einer neuen Gesellschaftsordnung "Soziale Ökonomie" als Erlösung der Menschheit vor.
Altvater kritisiert die Vergötterung des Kapitalismus, die in manchen Gesellschaften als Religion verstanden werde. Und wie alles Göttliche und Heilige soll Kapitalismus das Beste alles Möglichen sein. Deswegen solle es keine Alternativen geben trotz sozialer Ungleichheit, Krieg, Elend und ökologischer Zerstörung, die die moderne Welt charakterisieren. "Die Welt, in der wir leben, ist die beste aller möglichen Welten.“
Aber die kapitalistische Lebensordnung mit Privatisierung, freien Weltmärkten, geöltem Wachstum und einer Globalisierung aller Lebensbereiche hat bedrohliche Konsequenzen wie Klimawandel und Mangel an Öl-Reserven, die in der näheren Zukunft als "äußerer Anstoß“ zum Ende des Kapitalismus führen könnten.
Die Naturzerstörung hat in der letzten Zeit ein enormes Ausmaß angenommen. Der Hurrikan "Katrina" und der Tsunami in Thailand sind deutliche Beweise dafür, dass Kapitalismus sich mehr und mehr zu einem "Feind der Natur“ entwickelt.
Aber das Problem besteht nicht nur in der Umweltzerstörung, sondern auch in sozialer Ungleichheit, die immer größer wird. "Wachstum fördert Ungleichheit“, behauptet Altvater.
Grund dafür sei, dass Wachstum auf Akkumulation von Kapital basiert. Er fußt auf der Ausbeutung der einen, die mehr produzieren, als sie selbst zurückbekommen, und der Aneignung von Überschüssen durch die Anderen. Während die Eliten sind enorm bereichern, leben mehrere Milliarden Menschen in Armut und haben oft nichts zu Essen.
Die Gesellschaften entwickeln sich nicht gleichmäßig. Entwicklung und Produktivitätsanstieg sind nur dort gegeben, wo entsprechende Kaufkraft vorhanden ist. Und das ist leider extrem ungleich verteilt.
Diese Entwicklung wiederspricht den moralischen Normen. Die moralischen Werte stehen nicht mehr im Mittelpunkt, was nicht nur zur sozialen Ungerechtigkeit führt, sondern auch dazu, dass immer häufiger gegen das Gesetz verstoßen wird. Fälle von Geldwäsche, Korruption und Betrügerei in der Wirtschaft häufen sich.
Der Markt entkoppelt sich von der Gesellschaft. Die Kapitalinteressen und der Profit stehen über den moralischen Werten. Die maximale Verwertung von Kapital und nicht Solidarität in der Gesellschaft ist Hauptziel und Leitlinie zugleich in der kapitalistischen Marktwirtschaft.
Aufgrund dessen beschreibt Altvater, dass der Kapitalismus sich langsam in "Wilden Kapitalismus“ verwandele. Hier muss man ihm zustimmen. Wenn die 84 reichsten Personen der Welt über ein Vermögen verfügen, das über dem Brutto-Inlandsprodukt Chinas liegt und mehrere Milliarden Menschen nur 2 US-Dollar täglich ausgeben können, muss die soziale Gerechtigkeit in Frage gestellt werden.
Aber es gibt auch innere Widersprüche im modernen Kapitalismus, die eine Instabilität der Finanzmärkte und höhere Realzinsen verursachen.
Im letzten Jahrhundert hat die Menschheit sehr große Vortschritte gemacht und eine enorme Steigerung der Produktivität und eine industrielle Revolution erlebt, was früher bei der proteischen Revolution tausende von Jahren gedauert hätte. Das in so kurzer Zeit zu schaffen, war nur mittels fossiler Energieträger sowie der Entdeckung des Benzin- und Dieselmotors möglich, was Voraussetzung für Wachstum und Beschleunigung war.
"Um 1950“, schreibt McNeil, "war jede Nation, die nicht auf Energieverbrauch in großem Stil setzte, zur Armut verdammt“. Die Tatsache, dass nicht alle Länder Zugang zu fossilen Energieträgern haben, weil die Preise auf dem Weltmarkt zu hoch geworden sind, zeigt, dass fossile Energien nicht nur Beschleunigung und Entwicklung unterstützen, sondern dass sie auch soziale Ungleichheit verursachen.
Deswegen sollen aus meiner Sicht alternative Energien armen Ländern, die keinen Zugang zur traditionellen, fossilen Energie haben, als Mittel zum Wachstum zur Verfügung gestellt werden.
Die Zahl der Stadtbewohner wird immer größer. Immer mehr Menschen sind im Industriesektor beschäftigt. Das bedeutet, dass die Abhängigkeit von fossilen Energiesystemen immer größer wird und dass für immer mehr Menschen das Leben ohne fossile Energie nicht mehr möglich ist. Die Tatsache, dass fossile Energieträger immer knapper werden, ist auch ein wesentlicher Grund dafür, Alternativen zu entwickeln.
Während im Zuge der Industrialisierung von bevölkerungsreichen Ländern wie China, Indien und manchen afrikanischen Ländern der Bedarf nach Öl weiter steigt und fossile Energieträger knapper werden, wird laut dem “World Energy Outlook 2007“ – Bericht der Internationalen Energie-Agentur der weltweite Energieverbrauch 2030 weit über 50% höher sein als heute. Auf China und Indien zusammen werden in diesem Szenario 45% des Nachfrage-Anstiegs entfallen. Das wird zu Konflikten um die Öl-Verteilung führen, was das friedliche Zusammenleben der Menschen in der Welt erschweren wird.
Krieg gegen den Terror, der von Industrieländern - insbesondere den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) - geführt wird, hat in Wirklichkeit das Ziel, geostrategischen Einfluss in den mittelöstlichen und zentralasiatischen Öl-Regionen zu gewinnen. Dieses Ziel wird von Elmar Altvater als "Öl-Imperialismus" bezeichnet. Je weniger Öl-Reserven übrig bleiben, desto mehr Kriege werden ausbrechen, weil der Öl-Verbrauch jährlich steigt.
Es ist unbestritten, dass die Terrorgefahr und die Anzahl von Terrorakten in der letzten Zeit enorm gestiegen sind. Dafür macht Altvater den neuen "barbarischen" Öl-Imperialismus verantwortlich. Er erklärt Terroranschläge als Reaktion der Bevölkerung gegen die Regierungen in den Öl-Regionen, die von westlichen Mächten gestützt werden.
Da die Öl-Reserven nicht unendlich sind, sie aber weiter in gleichem Maßstab verbraucht werden, dauert es nicht mehr lange, bis der letzte Tropfen verbraucht ist. Das wird folglich zu einer katastrophalen Energiekriese führen, weswegen Altvater findet, dass "die fossilen Energien sehr schnell durch erneuerbare Energien ersetzt werden müssen“.
Der Autor hat die Vorstellung einer Gesellschaftsveränderung vom Kapitalismus hin zu einer solidarischen Ökonomie, wo die Arbeit einen sozialen Sinn erhält. Solidarische Ökonomie bedeutet für ihn auch den Übergang zur solaren Gesellschaft. "Es gibt auf der Straße des fossilen Energieregimes keine Zukunft. Der Übergang zu einer solaren Gesellschaft ist unvermeidbar.“
Als Argument dafür nennt Altvater, dass Licht und Wärme auf der Erde zu 99 Prozent direkt von der Sonne stammen, dass die Strahlenergie der Sonne um 18.000 Mal stärker ist als die pro Jahr genutzte fossile Energie, weswegen menschliches Leben nicht nur auf fossiler Energie begründet sein kann
Dabei werden sich auch soziale und kulturelle Grundlagen der Gesellschaft verändern. Durch vernünftigen Umgang mit der Natur und durch Berücksichtigung der Interessen künftiger Generationen wird Solidarität auch in Raum und Zeit erreicht.
Die Menschheit muss an zukünftige Generationen denken, weil das, was heute enormes Wachstum verspricht, morgen zu schrecklichen Natur- und Wirtschaftskatastrophen führen kann, wodurch das Überleben der Menschheit in Frage steht.
Da Öl-Reserven nicht unendlich sind, muss der Überschuss von Öl-Kapital in eine nützliche Richtung gelenkt werden. Die enormen Einkünfte, die Öl-Länder wegen der hohen Preise derzeit bekommen, sollten für die Entwicklung von alternativen Energien ausgegeben werden, bevor es zu spät ist.
Es ist klar, dass es noch lange dauern wird, bevor die Menschheit vollständig auf fossile Energien verzichten kann, weil die erneuerbaren Energien und Technologien noch nicht so weit entwickelt sind. Die fossilen Energien müssen langsam ersetzt werden, um ihren Verbrauch zu minimieren.
Können Sie sich vorstellen, dass es kein Öl und Gas mehr gibt?! Zu welchen Konsequenzen würde das führen?
Es gäbe dann keinen Auto- und Luftverkehr. Industriebetriebe blieben stehen. Die Folge wären eine Wirtschaftskrise und wahrscheinlich das Ende der Welt.
Das klingt wie das Szenario eines Horrorfilms, aber es kann wahr werden, wenn die Menschheit ihre Energiepolitik nicht verändert.
Am Ende meiner Rezension würde ich gerne Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur, zitieren: "Wir sollen das Öl verlassen, bevor es uns verlässt“.
Victoria Malysheva - 18.08.2008