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Tödliches Arbeitsethos

Journalisten leben gefährlich


22.03.2008 - FJH


Journalisten leben gefährlich. Besonders gefährlich leben sie zur Zeit in Russland. Gleich zwei Vertreter kritischer Medien sind dort jetzt innerhalb von nur 24 Stunden ermordet worden.


Iljas Schurpajew wurde am Freitag (21. märz) in seiner Moskauer Wohnung mit Stichwunden aufgefunden. Der Reporter arbeitete in der Hauptstadt für das Erste Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. In seiner Wohnung wurde nach der Ermordung des 32-jährigen Journalisten ein Brand gelegt.


In seinem Weblog hatte Schurpajew nur wenige Stunden vor seinem Tod am Freitagmorgen geschrieben, die Eigentümer einer Zeitung in Dagestan hätten eine von ihm geschriebene Kolumne verboten. Ausserdem sei angeordnet worden, dass sein Name nicht mehr in Veröffentlichungen erwähnt werden solle. "Jetzt bin ich ein Dissident!" lautete die Überschrift des letzten Eintrags im Internet unter seinem Namen.


Nur wenige Stunden später wurde Gadschi Abaschilow in Machatschaka in seinem Auto von Angreifern erschossen. Der Journalist wurde auf der Heimfahrt von seinem Arbeitsplatz im Fernsehsender der dagestanischen Hauptstadt regelrecht von Kugeln durchsiebt. Die Schüsse kamen aus einem anderen Auto.


Dagestan ist eine Nachbar-Republik von Tschetschenien, wo Rebellen seit 1999 für einen eigenen Staat kämpfen. In beiden Provinzen kommt es häufig zu Anschlägen auf Polizisten und staatliche Einrichtungen. Zum Teil führt die russische Regierung die Gewalt auf Verbrecherbanden zurück.


Seit dem Jahr 2000 sind in Russland mehr als ein Dutzend Journalisten getötet worden. Auch Überfälle auf Angehörige ethnischer Minderheiten gibt es in Moskau häufiger. Für Aufsehen sorgte die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006, die über Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung in Tschetschenien berichtet hatte.


Sie und all die anderen ermordeten Journalisten haben sich nicht weggeduckt. Sie wussten um die Gefährlichkeit ihrer Arbeit. Aber sie haben ihren Beruf dennoch ernst genommen.


Schon in der Antike gab es einen todbringenden Brauch: Der Überbringer der schlechten Nachricht wurde geköpft.


Damit wurde die Situation des Empfängers der jeweiligen Nachricht zwar nicht besser, doch vielleicht seine Aggression ein wenig abgebaut. Doch dürften sich angesichts dieses Brauchs nur wenige freiwillig bereit gefunden haben, jemandem eine schlechte Nachricht zu überbringen.


In gewisser Weise lebt dieser antike Brauch in all den Ländern fort, wo kritische Journalisten auch heute noch um ihr Leben bangen müssen. Denn in aller Regel sind ihre Berichte und Kommentare ja Ausdruck unangenehmer Tatsachen oder widriger Verhältnisse.


Sei es Russland oder die Türkei, wo der Journalistenberuf und die sowie die Schriftstellerei lebensbedrohliche Folgen zeitigen können, in diesen Ländern herrscht keine Demokratie. Ein demokratischer Staat muss die Meinungsfreiheit und damit auch die Journalisten als deren Träger schützen.


Doch auch in der Bundesrepublik wird die Meinungsfreiheit zunehmend eingeschränkt. Schleichend geschieht das in Form der Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikations-Verbindungsdaten und der - vom Bundesverfassungsgericht jüngst in enge Grenzen eingedämmten - Online-Durchsuchung von Computern. Es geschieht aber auch durch eine seuchenartige Ausdehnung des Abmahn-Unwesens vor allem bei angeblichen Verletzungen von Persönlichkeitsrechten.


Aus all diesen Gründen könnten sich Menschen eingeschüchtert fühlen und ihre Kritik an den herrschenden Verhältnissen für sich behalten. Die Freie Meinungsäußerung ist aber ein wesentlicher Grundpfeiler der Demokratie. Wo sie fehlt oder eingeschränkt wird, kann sich das Gemeinwesen nicht in der notwenigen Weise weiterentwickeln. Das konnte man beim Nidergang des sogenannten "Real Existierenden Sozialismus" gut beobachten.


Ein demokratischer Staat fußt darauf, dass seine Bürgerinnen und Bürger keine Angst haben, sich zu engagieren und - auch kritisch - zu äußern. Und er fußt auf einer freien Presse, die Mißstände furchtlos anprangert.


"Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden", hat Rosa Luxemburg eine Maxime des französischen Aufklärers Voltaire einmal pointiert zusammengefasst. Und Freiheit ist immer auch die Freiheit jedes einzelnen Bürgers, seine - auch abweichende - Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern.


Franz-Josef Hanke - 22.03.2008



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