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Vertrauen und Gewalt

Jan Philipp Reemtsma über Essentials der modernen Gesellschaft


14.03.2008 - FJH


"Vertrauen und Gewalt" sind Themen des neuesten Buchs von Jan Philipp Reemtsma. Im Sachbuch-Forum auf der Leipziger Buchmesse stellte der Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung am Freitag (14. März) seine Abhandlung mit dem Untertitel "Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne" vor.


Bis ins Mittelalter hinein sei Gewalt allgegenwärtig gewesen, konstatierte Reemtsma. Jeder begüterte Bürger habe einen Säbel am Gürtel getragen.


Eine Errungenschaft der Moderne sei das Gewaltmonopol des Staates. Eine noch größere Errungenschaft sei die Übereinkunft der Bürger, dass dieses Gewaltmonopol ausgesprochen zurückhaltend anzuwenden und Gewalt langfristig weiter zu verringern sei.


Diskussionen über die Todesstrafe würden selbst von deren Befürwortern immer nur mit dem Argument geführt, dass diese Bestrafung "leider noch notwendig" sei. Auch Kriege würden änlich defensiv legitimiert.


Vertrauen sei das "Bindemittel" jeder Gesellschaft, erklärte Reemtsma. Die Menschen müssten darauf vertrauen können, dass das Gemeinwesen nach bestimmten Regeln funktioniert. Wer diese Regeln einhalte, könne darauf hoffen, ohne größere Schwierigkeiten zu überleben.


In Bürgerkriegsgebieten könne das auch die Erkenntnis sein, dass es notwendig sei, sich einer der kämpfenden Parteien anzuschließen, meinte der Wissenschaftler. In jedem Fall aber müsse ein Bürger darauf vertrauen können, dass sich seine Umwelt nicht von einem Tag auf den anderen radikal verändere.


Dieses Vertrauen der Menschen in den Staat sei einer der Gründe gewesen, warum es zum Faschismus habe kommen können. Die Nationalsozialisten hätten die Institutionen infiltriert und für ihre Zwecke missbraucht.


Schulen hätten sie ihre Mitläufer nicht müssen, meinte Reemtsma. In jedem diktatorischen System stünden die Mitläufer von Anfang an bereit.


Dennoch vertraue er auf die weitere Entwicklung hin zu einer gewaltfreien Gesellschaft und einer gewaltfreien Welt, meinte Reemtsma. Man dürfe dabei zwar nicht blauäugig sein, doch weise die Entwicklung schon deutlich in die richtige Richtung.


Die allgemeine Ächtung von Gewalt hielt er für eine unumstößliche Grundlage der modernen Gesellschaft. Insofern sei die Menschheit hier bereits einen sichtbaren Schritt vorangekommen.


Diskussionen über die Erlaubnis von Folter lehnte er deswegen nicht nur ab, weil man sich damit auf eine schiefe Ebene begebe. Sie rüttelten auch an den Grundfesten der Zivilisation, die eine moderne Gesellschaft nicht in Frage stellen dürfe.


Überaus kenntnisreich und belesen argumentierte Reemtsma bei seinem Vortrag. Ohne prahlerische Attitüde führte er Beispiele wie den Streit zwischen Cicero und Catilina oder William Shakespeares Dramen ein. Wer Shakespeares Auseinandersetzung mit der Gewalt nicht kenne, der entledige sich damit einer wichtigen Grundlage, meinte er.


An den Anfang seines Buchs hat Reemtsma die Frage aus Walter Kempowskis Roman "Tadellöser und Wolf" gestellt: "Wie ist es nur möglich gewesen?"


Franz-Josef Hanke - 14.03.2008



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