Das von Politik und Medien vermittelte Bild von Afghanistans Machtstrukturen ist überwiegend Schönfärbung. Die Regierung Karsai wird den Deutschen meist als demokratischer Hoffnungsträger dargestellt. In Wirklichkeit ist sie kaum mehr als eine Kulisse.
Hinter dem Bühnenbild dominiert eine "weitreichende Korruption, gewalttätiger Machtmissbrauch und Verachtung für öffentliche Aufsicht". So fasst es ein aufrüttelnder Artikel von Ranjit Hoskoté und Ilija Trojanow in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag
(16. Februar) zusammen.
Der 23-jähriger Journalist Sayid Pervez Kambaksch sitzt seit Wochen in Masar-i-Scharif im deutschen Sektor in der Todeszelle. Er hat nichts anderes getan, als für seine Mitstudenten einen Artikel über Frauenrechte im Islam aus dem Internet herunterzuladen.
Er wurde wegen "anti-islamischer Aktivitäten" angeklagt und am 27. Oktober 2007 verhaftet. Unter Missachtung der afghanischen Verfassung wurde er nicht einem ordentlichen Gericht vorgeführt. Stattdessen übergab man ihn dem höchsten Rat religiöser Gelehrter, der ihn am 22. Januar 2008 des "Abfalls vom rechten Glauben" schuldig sprach und zum Tod durch Erhängen empfahl.
Dieses drakonische Vorgehen hat zahlreiche empörte Stimmen aus der westlichen Welt hervorgerufen. Dennoch hat der Regierungschef Hamid Karsai bereits deutlich gemacht, dass er den Inhaftierten nicht begnadigen will.
Die Analyse des Autorengespanns der Süddeutschen hat indes einen zuvor unbeachteten Hintergrund aufgedeckt. Demnach muss der 23-Jährige gewissermaßen aus Rache für den investigativen Journalismus seines älteren Bruders Ibrahimi sterben.
Ein Land, in dem solche Zustände herrschen, stellt die offizielle deutsche Regierungsmeinung weiterhin als hoffnungsvollen demokratischen Staat dar. Doch schaut man genauer hin, gleicht es jetzt wieder eher einem islamistischen "Gottesstaat".
Die Frage scheint berechtigt, ob irgendein Euro Steuergeld, der von außen in dieses Land geht, etwas Dauerhaftes und Gutes bewirken kann. Mädchenschulen sind gut und wichtig. Nur lassen sie sich nicht gegen Mehrheitsmeinungen durchhalten. Man kann sie auch von heute auf morgen wieder schließen.
Einzig über den überragenden Weltmarkt-Anteil des afghanischen Opiumanbaus hat es stetig Reportagen gegeben. Dass die regionalen Machthaber vielen armen Bauern keine andere Wahl lassen, wird selten berichtet. Angeblich kann die geballte NATO-Präsenz ja nichts dagegen ausrichten. Also guckt man konsequent weg. Warum lässt sich die deutsche Öffentlichkeit diesen Bären aufbinden?
Aber dass von Afghanistan aus der Weltmarkt mit Heroin-Rohstoff versorgt wird, ist nur ein Mosaiksteinchen. Die Verschleierung der wirklichen Verhältnisse im Lande im Namen der "Terrorismusbekämpfung" ist das eigentliche Problem.
Das Armutselend der Bevölkerung hat sich seit Jahren eher verschlimmert als verbessert. Statt Behausungen im kriegszerstörten Land zu finanzieren, baut man Vorzeige-Mädchenschulen und andere Fassaden-Wohltaten, die nicht soviel kosten. Statt bezahlte Jobs im Bau zu schaffen, überlässt man die arbeitslosen jungen Erwachsenen den Anwerbern der Drogenbarone. Die Herzen des Volks gewinnt man so nicht.
Weder die Vereinten Nationen noch die NATO haben eine zukunftsfähige Konzeption des "State Buildings" vorzuweisen. Die NATO ist ohnehin fast nur noch damit beschäftigt, die Bröckeligkeit der eigenen Präsenz vor Ort mit "immer mehr vom selben" zu bekämpfen. Man will vor allem militärisch nicht das Gesicht verlieren. Von glaubwürdigen Visionen für Afghanistans Zukunft keine Spur!
Dass die Hunderte von Millionen Euro internationale und deutsche Steuergelder, die seit Jahren nach Afghanistan geflossen sind, dauerhaft Gutes hervorgebracht hätten, kann niemand ernsthaft behaupten. Diejenigen, die selber von dem "Geldsegen" profitiert haben, sind da natürlich die Ausnahmen. Ansonsten dominieren die "geostrategischen" Ideologen, die sich die Realität nach ihrem Wunsch-Weltbild zurechtbiegen. Leider haben sie mit ihren Pseudo-Ausweglosigkeiten sogar die Mehrheit der deutschen Bundestags-Abgeordneten überredet, mehrfach die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan abzusegnen.
Der weitgehend auf die Hauptstadt Kabul beschränkte offizielle Regierungsbetrieb ist fast nur eine Fassade von Staatlichkeit. Ein Land, das an formale Ordnungs- und Verantwortungs-Strukturen westlichen Musters gar nicht gewöhnt ist, lässt sich darauf gar nicht real ein.
Die afghanische Regierung ist eine zugeben etwas teure Fassade. Sie ist nützlich als Repräsentation zur westlichen Welt. Die Regierungsposten sind begehrte "Zapfstellen", um internationale Hilfsgelder und Staats-Kredite in die Taschen von ein paar Clan-Vertretern umzuleiten. Korruption blüht.
Der sich intensivierende Krieg der NATO gegen die Taliban kann gar nicht gewonnen werden. Denn das Land hat eine lange offene Grenze zu Pakistan. Dort leben ebenso auf der afghanischen Seite Paschtunen. An jungen Männern als "Gotteskrieger" ist kein Nachwuchsmangel.
Die Bundesregierung verbrennt deutsche Gelder und verheizt deutsche Soldaten am Hindukusch. Damit unterstützt sie letztlich nur weiterhin diese korrupten Strukturen. Ein Ende des Elends ist dennoch abzusehen: früher oder später wird sich die NATO aus Afghanistan zurückziehen müssen.