Armut in einem mächtigen Land
16.11.2006 - FJH
35 Millionen US-Amerikaner leiden an Hunger. Das ist die erschreckende Quintessenz eines Berichts, den die zuständige Behörde bis nach der Kongress-Wahl zurückgehalten hat. Den Hunger hat das US-Landwirtschaftsministerium nun auch abgeschafft. Ab sofort heißt er offiziell "geringe Nahrungsmittel-Sicherheit".
Besonders betroffen davon sind die Angehörigen von Minderheiten. So leiden 22 Prozent der Amerikaner mit dunkler Hautfarbe und 18 Prozent der Latinos an "geringer Nahrungsmittel-Sicherheit". Noch schlimmer trifft es Alleinerziehende.
Viele Erwachsene sparen sich das Essen vom Munde ab, damit wenigstens ihre Kinder genug zu beißen bekommen. Jede dritte alleinerziehende Mutter in den USA muss hungern. Aber auch acht Prozent der Kinder weisen Folgen von Mangel-Ernährung auf.
Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der unterernährten US-Bürger um eine Million zurückgegangen. Derzeit liegt sie bei 11 Prozent der Gesamtbevölkerung. Deutlich gestiegen ist jedoch die Zahl der unterernährten Mütter und Kinder!
Der Hunger in den Vereinigten Staaten ist eine Kehrseite der Militarisierung der US-Politik. Sie findet nicht nur nach außen durch die Kriegs-Einsätze im Irak und Afghanistan statt, sondern auch im Innern.
40 Prozent aller Haushalte in den USA besitzen eigene Waffen. Jedes Jahr werden dort 10.000 Menschen erschossen.
Gewalt und Hunger sind zwei Folgen der ungerechten Verteilung des Reichtums. Eine dritte ist die Kriegs-Politik der Regierung Bush. Sie strebt danach, den weltweiten Reichtum zugunsten der USA umzuverteilen. Vor allem Öl interessiert sie sehr.
Nach der - für die Republikanische Partei desaströsen - Kongress-Wahl musste US-Präsident George W. Bush zwar seinen "Verteidigungsminister" Donald Rumsfeld entlassen, doch Vizepräsident Dick Cheney bleibt weiterhin im Amt. Und auch Bush selbst ist nicht gerade ein ausgewiesener Friedensengel. Immerhin hat er aber mit Robert Gates einen Vertrauten zum "Verteidigungsminister" berufen, der der Baker-Hamilton-Kommission angehört.
Dieses Parlamentsgremium sucht seit Wochen nach Wegen, wie der Irak-Krieg ohne Gesichtsverlust beendet oder gar gewonnen werden kann. Überlegungen des Kreises um den einstigen US-Außenminister James Baker dringen indes nicht an die Öffentlichkeit.
Öffentlich geworden ist hingegen die heftige Kritik ranghoher US-Militärs an der bisherigen Kriegs-Politik ihrer Regierung. Generalstabs-Chef Peter Pace kündigte nun an, man müsse alle bisherigen Fehler im Irak analysieren und jeden möglichen Weg auf seine Erfolgs-Chancen hin überprüfen.
Fast mag man meinen, der Gewinn der Mandats-Mehrheit im Kongress und im Senat hätte der demokratischen Partei so viel Auftrieb gegeben, dass die Republikaner nicht mehr an ihr vorbeikommen. Fast möchte man meinen, Bush schlucke nun demokratische "Kröten", um seine Macht zu sichern. Doch ganz so einfach ist es wohl nicht!
Die Bush-Administration verschiebt einige Akzente, hält jedoch an ihrer grundlegenden Linie fest. An der grundlegenden Entscheidung Bushs für den Krieg im Irak, in Afghanistan und im eigenen Land gegen die Armen ändert sich nichts.
2.000 weitere Marine-Soldaten hat die US-Regierung jetzt in den Irak verlegt. Sie sollen dort für "Ruhe und Ordnung" sorgen. Das ist aber wieder genau die selbe Art "Ruhe und Ordnung", die die übrigen 141.000 US-Soldaten im Irak dort bisher schon hergestellt haben: Jeden Tag mindestens ein Attentat und jedes halbe Jahr ein neuer Folter-Skandal!
All das verkauft Bush der Welt als Export von "Demokratie". Was er unter "Demokratie" versteht, das kann man in seinem Land tagtäglich betrachten: Die Telefon-Daten von 200 Millionen US-Bürgern werden heimlich gespeichert. Häftlinge werden in das extraterritoriale Gefängnis von Guantanamo gesteckt und dort jahrelang ohne Rechtsbeistand und Prozess wie Tiere gefangengehalten. Und das Kyoto-Protokoll oder den Vertrag für einen Internationalen Strafgerichtshof unterschreibt Bush auch nicht.
Amerika war einmal der Hort der Demokratie. Aber das ist leider schon sehr lange her. Bald werden die zivilisierten Länder wohl Nahrungsmittel-Hilfe an die armen Menschen dort schicken müssen!
Franz-Josef Hanke - 16.11.2006