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Faschismus beginnt im Alltag

Eindrücke von einer Demonstration in Amöneburg


24.09.2006 - FJH

Foto eines Angreifers auf Brosas Haus

“Ich bin gespannt, wie viele wir werden“, sage ich zu Ulrich. Wir gehen die steile Straße hinauf zum Marktplatz. Dort wartet bereits ein kleines Grüppchen Leute. Ein Streifenwagen steht auch schon da.
“Gegen Onkelz Revival und andere Neonazi-Parties“ lautet das Motto der Demonstration am Samstag (23. September). Veranstalter ist der HU-Ortsverband Marburg. Auslöser dieser Protest-Aktion war die Ankündigung einer “Rock & Onkelz Revival Party“ auf dem Festplatz von Amöneburg. Sie wurde für Samstag (23. September) angekündigt.
Es ist kurz vor 18 Uhr. Etwa 20 Menschen stehen rund um die Lautsprecher-Anlage. Eine weitere Personengruppe hält sich gute 20 Meter entfernt im Hintergrund.
Ich höre ein Stimmengewirr, das hier und da durch das gerollte "R" des ländlichen Dialekts und einen leichten hessischen Tonfall geprägt wird.
Amöneburg liegt nordöstlich von Marburg auf der Kuppe eines erloschenen Vulkans. Gut 800 Menschen wohnen dort oben in der Kernstadt. Fachwerkhäuser prägen das Bild dieses malerischen Städtchens.
Ein junger Mann stellt sich uns vor. Er sei der Veranstalter der von uns kritisierten Party. Ich biete ihm an, dass er seinen Standpunkt kurz über unsere Lautsprecher-Anlage darlegen könne.
Auf der Internet-Seite www.mein-parteibuch.de hatte er sein Kommen angekündigt. Vertreter des HU-Ortsverbands Marburg hatten diesen Eintrag gelesen und daraufhin beschlossen, ihm eine Redezeit von zwei bis drei Minuten über die HU-Lautsprecher einzuräumen. Das bieten Dr. Ulrich Brosa und ich ihm jetzt auch an.
Mit Ulrich gehe ich danach zu dem Polizei-Auto. Wir begrüßen einen Beamten, der sich mir höflich vorstellt. Ich betone, dass wir friedlich demonstrieren wollen. Angesichts der geringen Teilnehmerzahl habe ich auch keinerlei Bedenken, dass sich irgendein Mit-Demonstrant nicht an diese Weisung halten könnte. Außerdem kündige ich dem Polizisten an, dass wir dem Veranstalter der Party Rederecht einräumen wollen.
Die Turmuhr schlägt sechs Mal. Die Demonstration beginnt. Ich erkläre den Anwesenden den Grund für diese Demonstration.
Ein Auslöser war die "Onkelz-Revival-Party". Zwar hätten sich die "böhsen Onkelz" in den 90er Jahren vom Faschismus distanziert, doch seien ihre Texte auch danach immer noch gewaltttätig und faschistoid, sage ich.
"Die böhsen Onkelz" bezeichnen sich selbst als Rock-and-Roll-Band. Lange Zeit galten sie als Nazi-Musikgruppe. In der Öffentlichkeit haben sie sich später vom Faschismus distanziert. 1997 sind sie sogar bei "Rock gegen Rechts" aufgetreten.
Dennoch sehe ich in dieser Band eine faschistoide Formation. Ihre Texte strotzen von Hass und Gewalt. Auch nach ihrer Distanzierung vom Faschismus rufen sie in ihren Songs weiterhin zur Gewalt auf, nur dass sie sie nun gegen "Nazis" richten.
"Gewalt ist kein Weg der politischen Auseinandersetzung", erkläre ich den Zuhörerinnen und Zuhörern. "Auch Nazis haben eine Menschenwürde, die respektiert werden muss. Man kann Faschismus nicht verbieten; man muss sich mit ihm argumentativ auseinandersetzen. Dazu dient auch diese Demonstration."
Nachdem die "Nationaldemokratische Partei Deutschlands" (NPD) am Sonntag (17. September) bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit 7,3 Prozent in den dortigen Landtag eingezogen ist, haben verschiedene Politiker erneut ein Verbot dieser Partei in die Diskussion gebracht. Ein Verbots-Antrag des früheren Bundesinnenministers Otto Schily war vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert, weil mehrere NPD-Spitzenfunktionäre zugleich auch V-Leute der Verfassungsschutz-Ämter waren.
Mit Neonazis habe er nichts am Hut, erklärt der junge Mann. Er sei ein Konzert-Veranstalter, der erst kürzlich nach Amöneburg zugezogen sei. Er wolle hier nur eine Musik-Party durchführen. Derartige Parties habe er auch schon an anderen Orten der Umgebung veranstaltet.
"Warum werben Sie dann aber mit dem Slogan Onkelz Revival?" Das anfängliche Gemurmel ist nun vollständig verstummt.
Auf meine Zwischenfrage wird der junge Mann merklich nervös. "Auf allen Parties werden mindestens drei Stücke von den Onkelz gespielt", erläutert er. Die Böhsen Onkelz hätten genauso eine Fan-Gemeinde wie ACDC oder die Rolling Stones und andere Bands.
Die Auseinandersetzung über die "Böhsen Onkelz" füllt ganze Internet-Foren. Ihre Texte kann man an vielen Stellen im weltweiten Informations-Netz nachlesen. Die Meinungen darüber sind sehr gemischt. Die Texte hingegen sind absolut eindeutig.
"Wir wenden uns strikt gegen jede Gewalt", erkläre ich. "Das beinhaltet auch die Gewalt gegen Mitbürger, die dem einen oder anderen - vielleicht sogar nicht ganz ohne Grund - nicht gefallen."
Mehrfach betroffen von derartigen Gewalttätigkeiten war der Amöneburger Physiker Dr. Ulrich Brosa. Nach Parties auf dem Amöneburger Festplatz wurde sein Hausmehrmals angegriffen. Dabei wurde auch die Türscheibe zerstört. Außerdem wurde er selbst auf der Straße bedroht.
"Faschismus beginnt im Alltag", sage ich. "Faschismus beginnt damit, dass man Menschen nicht respektiert, weil sie anders sind. Weil sie Juden, Homosexuelle, Kommunisten, Roma oder Sinti sind oder weil sie aus Berlin kommen."
Die Angriffe auf Brosa hat ein"Ortsdiener Fritz" im Internet-Forum von www.justizirrtum.de zu rechtfertigen versucht. Der Physiker sei aus Berlin nach Amöneburg gekommen und habe sich dort einfach nicht einfügen wollen. Vielmehr habe er wegen "Lapalien" ständig Anzeigen gegen Einheimische erstattet. Da sei es kein Wunder, dass bei ihm schon mal eine Scheibe zu Bruch gehe.
"Die Mehrheit der Amöneburger lehnt solche Vorgehensweisen ab", stelle ich fest. "Das belegt das Ergebnis der letzten Bürgermeister-Wahl. Nun muss sich aber auch der neue Bürgermeister eindeutig von derartigen Umtrieben distanzieren."
Bei der Wahl zum Bürgermeister war der konservative Kandidat gescheitert, nachdem Fotos seines Sohnes bei einem Angriff auf Brosas Haus veröffentlicht worden waren. Dieser Sohn gehörte zu der Amöneburger "Burschenschaft" Berger-88-. Diesen Verein hatte der Vater in seinem Wahlkampf öffentlich unterstützt. Daraufhin gewann der - bis dahin in Amöneburg weitgehend unbekannte - Gegenkandidat der SPD.
"Amöneburg und sein Bürgermeister müssen sich entscheiden", fordere ich zum Schluss meiner Rede: "Erteilen Sie allen faschistoiden Tendenzen eine klare und deutliche Absage!"
Die meisten Menschen auf dem Marktplatz applaudieren. Die beiden Mikrophone werden zu dem Lautsprecher auf den kleinen einachsigen Handwagen gelegt. Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Ganze fünf Leute machen sich auf den Weg durch die Stadt.
Mir ist ein wenig mulmig zumute. Wir gehen an einer Gruppe von Leuten vorbei, die unsere Kundgebung aus größerer Entfernung beobachtet hat. Diese Menschen wirken eher feindselig. Unsere kleine Schar geht schnell vorüber und biegt in eine schmale Gasse ein.
Nach wenigen Minuten hat der Demonstrationszug das Festzelt erreicht. Brosa berichtet kurz von verschiedenen Feiern, die die "Berger-88-" dort in der Vergangenheit veranstaltet haben. Häufig endeten sie mit Randale und Vandalismus.
Weiter führt uns der Weg auf einem sandigen Pfad an der Mauer entlang. Der Boden knirscht unter unseren Füßen. Das Polizei-Auto hat angehalten. Ein Beamter folgt uns zu Fuß.
Der Demonstrationszug biegt in die Ritterstraße ein. An deren oberem Ende wohnt der derzeitige Vorsitzende der "Berger-88-". Die Demonstration geht aber nur am Haus eines anderen Brosa-Beschimpfers vorbei.
"Hier wohnt der Ortsdiener Fritz", sagt Ulrich und zeigt den anderen ein Haus am Wegesrand. Davor steht ein Auto auf dem Gehsteig. Als "Ortsdiener Fritz" hatte sein Fahrer die Angriffe auf das Haus des Physikers im Internet gerechtfertigt. Außerdem hatte er Morddrohungen an Ulrich Brosa verschickt. Deswegen wurde er mit einer Geldbuße auf Bewährung belegt.
Für den Bürgermeister ist er trotzdem nach wie vor ein harmloser Mitbürger. Auch den Vorsitzenden der "Berger-88-" hält Michael Richter-Plettenberg für einen netten jungen Mann. Brosa hingegen
berichtet von Schikanen dieses Burschen.
Eingetragen ins Vereinsregister wurde die Amöneburger "Burschenschaft" im Jahr 1992. Dennoch trägt sie ostentativ die Jahreszahl "88" in ihrem Namen. Mit der Ziffer "8" symbolisieren Neonazis gerne den achten Buchstaben im Alphabet. "88" steht dann also für "HH" oder "Heil Hitler".
Wer nun meint, die "Berger-88-" seien eine Neonazi-Vereinigung, der bekommt es mit deren Mitgliedschaft zu tun: Die Aufnahmen der Überwachungs-Kamera an Brosas Haustür zeigen meistens Angreifer, die zum Dunstkreis der "Berger-88-" zu zählen sind.
Über diese Vorkommnisse berichtet Brosa bei der Abschluss-Kundgebung vor seinem Haus. Er zeigt den Demonstrantinnen und Demonstranten die Stellen am Putz, wo die Angriffe Spuren hinterlassen haben.
Spuren hat all das natürlich auch bei Ulrich hinterlassen. Nicht immer kann er damit gelassen genug umgehen. Manchmal überlege ich mir, wie ich auf derartige Erlebnisse reagieren würde. Aber das möchte ich mir lieber nicht genauer ausmalen!
Gegen 18.45 Uhr ist die Abschluss-Kundgebung zu Ende. Die Demonstration löst sich auf. Die meisten Auswärtigen machen sich auf den Heimweg.
"Ob das bei den Amöneburgern wohl ein wenig Nachdenklichkeit erzeugt hat?" Diese Frage bleibt mir noch lange im Kopf. Und ich frage mich, ob eine größere Zahl von Demonstrantinnen und Demonstranten vielleicht mehr bewirkt hätte. Aber leider sind diejenigen, die konsequent für Demokratie und Bürgerrechte eintreten, doch immer eine verschwindend kleine Minderheit.


Franz-Josef Hanke - 24.09.2006



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