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Lösungsstrategien im Zentrum

Jubiläum bei Marburgs Friedens- und Konfliktforschung


07.05.2011 - FJH


Sein zehnjähriges Bestehen hat das Zentrum für Konfliktforschung (ZfK) am Freitag (6. Mai) mit einem Festakt in der Aula der Alten Universität gefeiert. Dort blickten zwei frühere Mitinitiatoren auf die schwierige Gründung dieser - anfangs sehr umstrittenen - Einrichtung zurück.


Der Psychologe Prof. Dr. Gert Sommer rekapitulierte in seiner Festrede die Friedensbewegung der 80er Jahre, aus der heraus 1987 die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Friedens- und Abrüstungsforschung (IAFA) entstanden ist. Hochschullehrer unterschiedlichster Fachbereiche an der Philipps-Universität wandten sich damals - wie Hunderttausende in der bundesdeutschen Bevölkerung auch - gegen den sogenannten "Nachrüstungsbeschluss" der Nordatlantischen Vertragsorganisation (NATO).


Er drohte der Sowjetunion mit der Aufstellung zusätzlicher Atomraketen des Typs "Perching 2", wenn sie ihre Mittelstreckenraketen SS20 nicht abbaue. Insgeheim wollte die US-Regierung unter dem Präsidenten Ronald Reagan damit aber einen nuklearen Erstschlag vorbereiten, der die Sowjetunion vollständig vernichten und den die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) zugleich halbwegs unbeschädigt überstehen könnten.


Um diese unredliche Argumentation in der Öffentlichkeit durchzusetzen, wurden Kritiker des sogenannten "NATO-Doppelbeschlusses" damals heftig angegriffen und diskreditiert, wie Sommer am Beispiel der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW) darstellte. Insofern sei auch die Friedensforschung seinerzeit sehr heftig angegriffen worden.


Dennoch ist es im Jahr 2001 vor allem dem Soziologen Prof. Dr. Ralf Zoll gelungen, das Zentrum für Konfliktforschung zu gründen. Als dessen erster Gründungsdirektor berichtete er von den damaligen Irrungen und Wirrungen.


Selten werde bei Jubiläen die unbeschönigte Wahrheit vorgetragen. Deswegen werde er die Geschichte des Zentrums als "Märchen" darstellen.


In Märchen gebe es meist "Gute" und "Böse". Doch am Ende gehe es immer gut aus.


Mühsam war auch die Etablierung der Friedens- und Konfliktforschung als Studiengang "FuK". Vor 15 Jahren wurde er zunächst als Magister-Nebenfach eingeführt, um die notwendige Akkreditierung durch das Hessische Wissenschaftsmuseum zu umgehen. Vor sieben Jahren folgte ihm dann der erste akkreditierter Master-Studiengang an der Philipps-Universität.


Die Gründung des ZfK habe den qualitativen Sprung beschleunigt, sodass mittlerweile sechzehn verschiedene Fächer interdisziplinär in der Konfliktforschung zusammenarbeiten. Inzwischen werde auch die Herangehensweise der Marburger, die von Anfang an nicht nur internationale Konflikte thematisieren, sondern auch Konflikte innerhalb der Gesellschaft problematisieren,innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft weitgehend akzeptiert.


Seit 2004 vergibt das ZfK auch einen eigenen Preis für Leistungen in der Friedens- und Konfliktforschung. Mit einer Preissumme von insgesamt 10.000 Euro ist der Peter-Becker-Preis die höchstdotierte Auszeichnung auf diesem Gebiet in Deutschlandd.


Das Thema Friedenspädagogik stand im Mittelpunkt der vierten Preisverleihung des Peter-Becker-Preises für Friedens- und Konfliktforschung. Im Beisein des Stifters Dr. Peter Becker fand sie im Anschluss an die Jubiläumsfeier ebenfalls in der Alten Aula statt.


Seit 2004 verleiht das ZfK die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung. Erstmals hat die Jury 2010 den Preis nicht an deutsche Friedensforscher vergeben, sondern international renommierte Experten ausgezeichnet. Im Blickpunkt standen dabei wissenschaftliche und praktische Aktivitäten zur Vermittlung im israelisch-palästinensischen Konflikt.


Ein solches Projekt betreibt das "Day Care Center for Arab and Jewish Children at Risk" in Jaffa. 46 Prozent aller Kinder in diesem Stadtteil der israelischen Großstadt Tel Aviv leben unterhalb der Armutsgrenze. Ihnen widmet sich das Betreuungsprogramm des preiswürdigen Zentrums.


Bei der Hausaufgabenhilfe und pädagogischen sowie sozial ausgerichteten Programmen für jeweils 50 benachteiligte Kinder zwischen sechs und 13 Jahren werden die Teilnehmenden hier nicht nach Religionszugehörigkeit oder ethnischer Herkunft getrennt, wie es im israelischen Schulsystem üblich ist. Jüdische, arabische und christliche Kinder sitzen nebeneinander und schließen Freundschaft mit Altersgenossen aus osteuropäischen Einwandererfamilien.


Die Angebote werden auf jedes einzelne Kind individuell abgestimmt. Die Vorbereitung auf Konfliktsituationen und den Umgang mit Gewalt sei angesichts des Alttags in den Straßen von Jaffa durchaus auch von praktischer Bedeutung, erklärte die Projektleiterin Lara Sirrin in ihrer Dankesrede.


Sie betonte, dass auch die Familien in das Programm mit einbezogen werden. Sie zu erzieherischen Anstrengungen zu ermutigen, sei in vielen Fällen durchaus notwendig.


Eine wissenschaftliche Evaluierung dieser Aktivitäten ist wesentlicher Bestandteil des Projekts. Die Ergebnisse zeigen, dass es sich mit seiner Arbeit auf dem richtigen Weg befindet.


Ähnliche Erfolge kann auch Dr. Sapir Handelman von der Wayne State University in Detroit mit seinem "Minds of Peace Experiment" vorweisen. Schon 13 mal hat er je fünf Vertreter aus Israel und Palästina zu Verhandlungen eingeladen, die allesamt mit positiven Ergebnissen endeten.


Hatten die ersten Treffen noch in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) oder Kanada stattgefunden, so ist Handelman bei den letzten Zusammenkünften nun direkt in die Konfliktregion gegangen. Eingeladen hat er dazu Hardliner beider Seiten, die beispielsweise als israelische Richter Palästinenser hinter Gitter gebracht oder von israelischen Soldaten schwer verletzt worden waren und die nahe Angehörige von Führungspersonen der - im Ghaza-Streifen regierenden - islamistischen Hamas sind. Auch sie haben bei ihren Verhandlungen immer zumindest einzelne positive Ergebnisse erzielt und Vorurteile gegeneinander abgebaut.


Im nächsten Schritt möchte Handelman die Zahl der beteiligten Verhandler nun auf 20 pro Konfliktpartei erhöhen. In seiner Dankesrede zeigte er sich allerdings fest davon überzeugt, dass nur der gleichzeitige Abbau der Feindbilder von unten und dazu synchron verlaufende Verhandlungen der Regierenden zu einer nachhaltigen Konfliktlösung führen werden.


Diese Überzeugung vertritt auch Prof. Dr. Gavriel Salomon von der Universität Haifa. Ausgezeichnet wurde er für sein Lebenswerk als Friedenspädagoge.


In seiner Laudatio auf alle drei Preisträger berichtete Uli Jäger vom Institut für Friedenspädagogik Tübingen von seinem ersten Zusammentreffen mit Salomon bei einer internationalen Konferenz im Jahr 2004. Jägers Medienprojekt "Peace Counts" war mit dem Peter-Becker-Preis 2008 ausgezeichnet worden.


Aufgrund seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen sei ihm Salomon bereits vor ihrer ersten Begegnung ein Begriff gewesen, berichtete Jäger. Das persönliche Erleben dieses herausragenden Friedenspädagogen aber habe ihn nachhaltig beeindruckt.


Diese Aussage konnten die Anwesenden im Anschluss an Jägers englischsprachige Ausführungen selbst auf eindringliche Weise nachvollziehen. Dabei überzeugte Salomon durch eine eher vorsichtige Herangehensweise an sein Auditorium bei gleichzeitiger Entschiedenheit seiner Aussagen.


Zunächst richtete er sich auf Deutsch an sein Publikum. Diese Sprache kenne er zwar aus seinen Kindertagen, habe sie aber seit 55 Jahren nicht mehr gesprochen. Schon gar nicht sei er daran gewöhnt, sie vor mehr als 200 Zuhörern zu benutzen.


Nach einem kurzen Dank an die Veranstalter wechselte er dann auch ins Englische über, das er sehr ausdrucksstark zur Vermittlung seiner Überzeugung einsetzte. Mit Witz und differenzierter Betrachtung seines Themas stellte er die Notwendigkeit einer umfassenden Friedenserziehung dar.


Die persönliche Begegnung von Menschen trage dazu bei, gegenseitige Vorurteile abzubauen. Das gelte sowohl beim Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Konfliktparteien als auch bei alltäglichen Begegnungen.


Nur das intensive Kennenlernen sei geeignet, Konflikte zu entschärfen. Es biete die Möglichkeit, sich in den Vertreter der jeweils anderen Konfliktpartei einzufühlen und seine Beweggründe zu verstehen.


An die Wirkung dieser Herangehensweise wolle er wohl gerne glauben, sagte Salomon. Schließlich entspringe diese Einschätzung ja seinen eigenen Forschungsarbeiten. Doch sei ihre Umsetzung nicht so einfach, wie viele denken.


Voraussetzung dafür sei die Bereitschaft, eigene Selbsteinschätzungen in Frage zu stellen. Der Glaube an die gerechte Sache der eigenen Partei und die eigene Opferrolle müssten hinter der Bereitschaft zurückstehen, der Gegenpartei genau die gleichen Überzeugungen zuzugestehen. Das sei nicht immer einfach.


Doch selbst, wenn das gelinge, würden Teilnehmer erfolgreicher Friedensgespräche hinterher von Angehörigen der eigenen Gruppe häufig als Verräter beschimpft. Dann sei es nicht leicht, diesem Druck erfolgreich standzuhalten.


Auch massenhafte Anstrengungen beim Zusammenführen von Menschen verfeindeter Völker oder Bevölkerungsgruppen reichten nicht aus, um die Stärkung friedlicher Haltungen in den jeweiligen Gruppen zu verbreitern. Selbst eine Aktion, bei der 4.300 Palästinenser und Israeli in Kontakt zueinander gebracht worden waren, beschrieb Salomon als "Versuch, mit einem Stück Würfelzucker den Ozean zu süßen".


Letztlich müssten dem vielfältigen Engagement von Friedenspädagogen zugunsten häufiger persönlicher Begegnungen vieler Menschen aus den unterschiedlichen Konfliktparteien auch Anstrengungen gegenüberstehen, die Regierungen – notfalls auch durch Druck von unten – zu einer nachhaltigen Friedenspolitik zu bewegen. Dafür brauche es einen sehr langen Atem.


Für genau diese dauerhafte Arbeit wurde Salomon mit dem Peter-Becker-Preis 2010 ausgezeichnet. Eine überzeugendere Wahl hätte die Jury wohl nicht treffen können.


Franz-Josef Hanke - 07.05.2011



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