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Mein langer Kampf für Soziale Gerechtigkeit

Dankesworte der Leuchtfeuer-Preisträgerin Käte Dinnebier


03.07.2007 - admin

Foto: Käte Dinnebier
Preisträgerin Käte Dinnebier
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Mein Einsatz für die Bürgerrechte Benachteiligter umfasste verschiedene Bereiche. Einige wenige Beispiele:


In der Strumpffabrik in Stadtallendorf musste ich die Sorgen mancher Mütter um ihre Kinder mit anhören, weil es zu wenig Betreuungsplätze gab. Zu dieser Zeit war ich Stadtverordnete - leider als einzige Frau im Parlament -, preschte vor und fand Verständnis sogar bei den Unternehmern, denn sie brauchten die Frauen als Arbeitskräfte.


Als ich 1968 nach Marburg kam, war das anders. Kindertagesstätten mit Ganztagsbetreuung gab es kaum. Am Richtsberg, Erfurter Straße, war ein neuer Kindergarten gebaut mit Zuschüssen der Bundesanstalt für Arbeit, aber die Öffnungszeiten waren für Erwerbstätige nicht geeignet. Mittagessen gab es nur für Hort-Kinder. Mit 12 Gewerkschaftsfrauen haben wir beim Magistrat im Rathaus protestiert und Ganztagsplätze in dieser Einrichtung eingefordert. Es wurde mit Unterstützung der Erzieherinnen realisiert - trotz Protesten der damaligen Hort-Eltern.


Ich denke auch an die vielen jungen Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden, trotz des angeblich so tollen Ausbildungspaktes. Gegen den großen Widerstand der Kammern und der CDU konnten wir in Marburg ein Ausbildungszentrum für benachteiligte Jugendliche durchsetzen. Sehr hilfreich war dabei eine im Fachbereich Erziehungswissenschaften von Studierenden und dem DGB-Jugendsekretär erstellte Analyse über die Jugend-Arbeitslosigkeit im Raum Marburg-Biedenkopf.


Nicht unerwähnt bleiben darf die Zusammenarbeit zwischen dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und den DGB. Forschung und Lehre haben eine ganz wesentliche Bedeutung für die Arbeits- und Lebensbedingungen der ArbeitnehmerInnen, denn diese bekommen die meist sehr einseitig ausgerichteten Ergebnisse der Wissenschaft negativ zu spüren.


Viele gemeinsame Seminare fanden statt. Wir holten nach Marburg Willi Bleicher, Wolfgang Abendroth und Vertreter von den Hauptvorständen der Gewerkschaften. Die Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben diskutierten mit Kollegen aus der Wissenschaft, hatten aktiv an den Veranstaltungen teilgenommen. Dabei wurden auch die Widersprüche in unserer Gesellschaft deutlich.


ArbeitnehmerInnen konnten erkennen, dass es auch im Wissenschaftsbereich engagierte Gewerkschafter gibt, mit denen eine kollegiale Zusammenarbeit möglich ist. Unsere Partner aus dem Uni-Bereich waren und sind es noch heute: Frank Deppe und Reinhard Kühnl.


Höhepunkt und Krönung unserer gemeinsamen Arbeit zwischen DGB und Fachbereich 03 war, dass der damalige Vorsitzende des DGB, Heinz-Oskar Vetter, in einer gemeinsamen Veranstaltung aus Anlass des Universitätsjubiläums eine richtungsweisende Rede hielt: "Was erwarten die Gewerkschaften von der Hochschule?". So voll war das Audimax sicher noch nie! ArbeitnehmerInnen kamen in Scharen.


Benachteiligte in unserer Gesellschaft sind Frauen. In einer Betriebsversammlung in einem Metallbetrieb im Raum Herborn konnte ich die Frauen überzeugen, dass sie gegen ungerechte Lohnzahlung - sie erhielten 20 % weniger als ihre männlichen Kollegen - kämpfen müssen. Das taten sie mit einer Klage vor dem Arbeitsgericht Wetzlar. Und sie hatten Erfolg!


Das schreckliche Ereignis von Tschernobyl hatte dazu geführt, dass ich auf Bitten der Wetteraner Frauen eine Demo und Kundgebung gegen Atomkraftwerke organisierte. Viele Frauen mit Kinderwagen nahmen daran teil. Es war ein Erfolg. Die Frauen gründeten danach einen politischen Arbeitskreis, woraus die "Wetterhexen" entstanden.


Meine Zusammenarbeit mit dem Chile-Komitee und den chilenischen Freunden wird mir unvergesslich bleiben, wie auch die Solidaritätsveranstaltungen, die wir für die Chilenen und auch Nelson Mandela durchgeführt haben.


Nicht gut behandelt waren unsere türkischen Kollegen, mit denen ich einen Arbeitskreis ausländischer Arbeitnehmer mit TÜDAK (türkisch-deutscher Arbeitskreis) gegründet hatte. Auch das, wie so manches andere, brachte mir bedrohliche Telefonanrufe - offensichtlich von Stammtischen - ein, mit der Forderung, ich solle mich in die Türkei machen.


Heute müssen wir alles daran setzen, um den Mindestlohn zu verankern, den Sozialabbau zu stoppen und den Sozialstaat nicht weiter löchern zu lassen. Friedhelm Hengsbach hat die beachtliche Aussage gemacht: "Die, die keinen sozialen Schutz brauchen, führen seit Jahrzehnten einen Feldzug gegen die sozialen Sicherungssysteme."


Wir müssen aber auch wachsam sein und dem rechtsextremen Gedankengut in unserer Gesellschaft massiv entgegentreten. Ich habe Erfahrungen mit Bedrohungen von Rechts machen müssen. Aber es macht mir Angst, wenn ich immer wieder feststellen muss, wie rechtes Gedankengut schon in der Mitte unserer Gesellschaft verankert ist.


Käte Dinnebier - 03.07.2007



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