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Preisbegründung der Jury

Warum Friedhelm Hengsbach das Marburger Leuchtfeuer 2006 erhält


23.06.2006 - jn

Logo: Marburger Leuchtfeuer

Über vier Jahrzehnte hinweg hat sich Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben eingesetzt. Als Wirtschaftswissenschaftler widmet er sein besonderes Augenmerk dem Arbeitsleben und den Menschen in den gesellschaftlichen Strukturen von Erwerbstätigkeit, Erwerbslosigkeit und Familienarbeit.


Immer hat er dabei die Menschen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Konsequent verweigert er sich dem Mainstream, der "Eigenverantwortung" fordert und dabei die notwendige Solidarität immer weiter aushöhlt. Er kritisiert den arroganten Umgang der Besitzenden mit den Besitzlosen: "Diejenigen, die keinen sozialen Schutz brauchen, führen seit Jahrzehnten einen Feldzug gegen die sozialen Sicherungssysteme."


In einer Gesellschaft, die ihre egalitären demokratischen Werte immer weniger lebt, stattdessen zunehmend Opportunismus und ein rein taktisches Verhältnis zu Wahrheit und sozialer Gerechtigkeit vorzeigt, ist Hengsbachs Aufrichtigkeit preiswürdig. In einem solchen Umfeld unbeugsam seinen humanistischen Werten treu zu bleiben, dazu gehört eine Menge Mut und Charakter. Friedhelm Hengsbach SJ ist eine glaubwürdige Verkörperung der vier klassischen Kardinaltugenden: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Weisheit.


Für Hengsbach war die Solidarität mit den Mitmenschen immer der zentrale Gesichtspunkt aller Überlegungen. Wichtig sind ihm der Schutz der Umwelt, die Geschlechtergerechtigkeit und die globale Solidarität mit den Menschen in der sogenannten "Dritten Welt".


Aus christlicher Überzeugung heraus hat sich Hengsbach kontinuierlich für eine gerechtere Gesellschaft eingesetzt. Sein besonderes Augenmerk galt dabei den Beziehungen der Menschen in Arbeitsprozessen, der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Mit scharfem Blick für Ungerechtigkeiten hat der katholische Sozialethiker immer wieder Stellung für die Benachteiligten in der Gesellschaft bezogen.


In seinen Publikationen räumt Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach mit vielen Klischees auf, die häufig zur Rechtfertigung der derzeitigen Politik eingesetzt werden:
“Globalisierung“ geißelt er als gewollte Strategie, die von ihren eigenen Urhebern dann als Argument gegen den Sozialstaat ins Feld geführt wird.
Die marktradikale neoliberale Wirtschaftsideologie kritisiert er als Strategie, die trotz ihres offenkundigen Scheiterns mit großem Propaganda-Aufwand weiter forciert wird.
Er konstatiert, dass Politiker die Erwerbslosen zu Unrecht dafür verantwortlich machen, dass es nicht genug Arbeitsplätze gibt.
Das “Bündnis für wertegebende Erziehung“ misst er an den fragwürdigen Erfolgen der Beteiligten bei der Verwirklichung der propagierten Werten. Christlich-humanistische Werte verkörpert er selbst hingegen glaubwürdig.


Die Auswüchse der modernen “Leistungsgesellschaft“ charakterisiert er mit treffenden Feststellungen: “Viele in dieser Gesellschaft genießen zwar einen gewissen Wohlstand, doch leiden sie unter einem Zeit-Notstand.“


Immer wieder erhebt Hengsbach seine Stimme, um soziale Gerechtigkeit und eine zukunftsorientierte, menschenfreundliche Politik einzufordern. Auch seine eigene Organisation, die katholische Kirche, spart er bei seiner Kritik keineswegs aus. Mitunter ist er ein scharfer Kirchen-Kritiker, wenn es beispielsweise um die Benachteiligung von Frauen oder die Mitbestimmung der Beschäftigten in kirchlichen Einrichtungen geht.


Als Leiter des Nell-Breuning-Instituts ist Hengsbach in große Fußstapfen getreten, die sein Vorgänger Prof. Dr. Oswald von Nell-Breuning SJ in Sankt Georgen hinterlassen hatte. Hengsbach ist es nicht nur gelungen, dieses Amt auszufüllen; er hat das auch in einer sehr eigenständigen Art mit seiner herausragenden Persönlichkeit erfüllt.


Dabei ist er ausgesprochen bescheiden. Deutlich ist, dass es ihm bei seiner Arbeit immer zuerst um die Sache geht: Gleichheit und Gerechtigkeit gerade auch für die Benachteiligten!


"Wer seiner eigenen Sache untreu wird, kann nicht erwarten, dass andere ihn achten." Dieser Satz von Albert Einstein gegen den grassierenden Opportunismus ist wie auf Friedhelm Hengsbach gemünzt. Sein fortdauerndes Wirken betrachtet die Jury als leuchtendes Beispiel, Inspiration und Ermutigung.


Jürgen Neitzel - 23.06.2006



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