Seit der prominente Manager Klaus
Zumwinkel als Steuerhinterzieher großen Stils medienwirksam vorgeführt worden ist, kocht die Volksseele. Selbst Leute, die über Politik nie reden, diskutieren darüber zur Zeit ausgiebig. In dieser Ausnahme-Situation sprechen die meisten Medien von den Tätern als "Sündern".
"Wir sind alle kleine Sünderlein, war immer so", sang einst Willy Millowitsch. Mag ja sein, dass "Tricksen" in Deutschland ein Volkssport ist. Aber rechtfertigt das, dass Journalisten aus Riesen-Straftätern eine Art Mundraub-Beschuldigte machen?
Wer von "Sünden" spricht, der redet zugleich von vorgegebenem Vergeben. Statt wie üblich die "Vorverurteilung" abzuwehren, wäre hier der Begriff der "Vorvergebung" am Platz. Das wäre eine Bezeichnung zu "vorzeitiger Verzeihung für begangene Schandtaten".
Dabei steht "Sünde" hier für das "Kavaliersdelikt", das Steuerhinterziehung im Bewusstsein der Hälfte der deutschen Bevölkerung angeblich ist. Vertuscht wird mit diesem sprachlichen Trick, dass es sich rechtlich eben nicht um eine bloße Ordnungswidrigkeit handelt, sondern um einen Straf-Tatbestand.
Nur wenige Qualitäts-Zeitungen und -Sender achten darauf, im Sprachgebrauch ihrer Kommentatoren solche "Lässlichkeiten" zu vermeiden. Dabei sind viele Journalisten von sich aus damit sehr viel sorgfältiger als ihre Chefs.
Woher kommt die Neigung der Medien-Verantwortlichen zur Verharmlosung von Steuerdelikten? Es bedarf keiner bösen Moral-Unterstellungen. Man muss nur ganz nüchtern und sachlich die Ausmaße der Abhängigkeit der meisten Medien von ihren Werbe-Einnahmen anschauen. Wer sich Werbekunden in größerem Ausmaß vergrault, der kann als Medienmanager einpacken.
Aber die andere Seite der Medaille verdient ebenso, ausgeleuchtet zu werden. Was richtet das leichtfertige Reden von "Steuersündern" in der Bevölkerung an?
Es propagiert eine Art Schulterschluss zwischen Leuten, die "in einem Boot sitzen". Leiden nicht alle - die Klein- und die Großverdiener gleichermaßen - an einem unersättlich "gierigen Staat"?
Verdrehter kann man die Wirklichkeit kaum darstellen. Dennoch gibt es Leute, die das glauben.
Im Moment haben diese Typen, deren Guru Guido Westerwelle heißt, gewiss kein Oberwasser. Aber selbst bei kleinen Leuten ist das ständig wiederholte Gerede von den angeblich "notwendigen Steuersenkungen" hängengeblieben. Das sind zahlreiche Menschen, die ihre politischen Meinungen vielleicht aus Zeitnot nicht durch eigenes Nachdenken gewinnen, sondern sie aus den Schlagzeilen ihres oberflächlichen Medienkonsums filtrieren.
Statt in den Medien von den Milliarden-Schäden an der Allgemeinheit aus zu berichten und zu kommentieren, wird die Dimension des Geschehens oft "weggeleugnet". Jede der Steuer hinterzogene Million Euro fehlt bei der Finanzierung von Krippenplätzen, Krankenhäusern, Hochschulen und Verbraucherschutz.
Bei denen, die sich tatsächlich getroffen fühlen und derzeit den demokratischen Furor verspüren, wird alles davon abhängen, ob sie nicht wieder enttäuscht werden. Richter und Staatsanwälte könnten aus der Sache eine Farce machen wie imFall Peter Hartz- oder im Mannesmann-Revisionsprozess.
Der Skepsis in der Bevölkerung wird so Vorschub geleistet, dass man die "großen Tiere" wiedermal für lächerliche "Bußgelder" und Bewährungsstrafen laufen lässt.
Der einzige prominente Steuerhinterzieher, der wirklich in den Knast musste, war Peter Graf, der Vater der Tennisspielerin Steffi Graf. Er wurde 1997 zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Das von ihm verursachte Schadens-Ausmaß summierte sich auf rund 41 Millionen DM.
Es gab ein paar Auffälligkeiten des Falls. Zuerst durfte Graf sich 1996 gegen Melde-Auflagen und eine Kaution von drei Millionen DM aus der Untersuchungshaft freikaufen. Dann fand er nach ergangenem Vorzeige-Urteil "Justiz-Partner", die ihn schon im April 1998 vorzeitig aus der Haft entließen.
Einem pleite gegangenem Kleinunternehmer oder Angestellten wären keine solchen Vorzugsbedingungen gewährt worden. Das sagt einem die Lebens- und Alltagserfahrung.
Wie kann dann so ein Verlauf zustande kommen? Der einleuchtendste Erklärungsansatz deutet es von der "sozialen Nähe" in den bessergestellten Kreisen der Gesellschaft. Man kennt sich und man hilft sich unauffällig. Richter und Gefängnisdirektoren gehören teils schließlich auch zur "Society".
Es ist ja auch nichts Illegales daran, eine "besonders günstige Sozialprognose" auszustellen. Wozu sind exklusive Golfplätze, Rotarier-Clubs und derartige "Freundeskreise" schließlich sonst gut? Insider sagen, dass eines der dauerhaften Haupt-Gesprächsthemen dort die Mittel und Wege der "kreativen Steuervermeidung" seien.
Steuerhinterziehung ist doch nur ein Kavaliersdelikt. Dass man damit die Moral der Bevölkerung sabotiert, wird achselzuckend in Kauf genommen.