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Schule als Ort für Abenteuer

Hartmut von Hentig über "Bewährung statt Belehrung"


29.11.2007 - jn


Prof. Dr. Hartmut von Hentig gilt neben dem Marburger Didaktiker Prof. Dr. Wolfgang Klafki als einflussreichster deutscher Pädagoge seit 1945. Auf Einladung der Grünen-Hochschulgruppe stellte der visionäre Schulpraktiker am Mittwoch (28. November) im Hörsaalgebäude sein aktuelles Buch "Bewährung - von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein" vor.


Gleich zu Beginn der Veranstaltung zeigte sich der 82-jährige als Mann von großer Freundlichkeit und Einfühlungsvermögen. Er bestand darauf, dass im - mit rund 500 Menschen vollbesetzten - Hörsaal zusammengerückt werde, damit auch die hinten Stehenden einen Sitzplatz abbekämen. Dieser stets wache Blick für das Wünschenswerte und zugleich Praktizierbare hat ihm sein Renommee weit über die Kreise der Fachleute hinaus eingetragen.


Mit Selbstironie verwies der Berliner darauf, dass man die Lektüre erfahrungsgemäß nie voraussetzen dürfe. Daher müsse er das Buch schon selber vermitteln. Statt daraus vorzulesen, hielt der Hochbetagte trotz geschwächter Stimmkraft einen mental kraftvollen, überzeugenden Vortrag fast wie in freier Rede.


Ausgangspunkt war die Feststellung, dass das deutsche Bildungssystem seine selbstgestellten Aufgaben seit langem nicht erfülle. Die hohe Zahl derer, die in Deutschland nicht einmal einen Hauptschulabschluss bekämen, sei ein Fanal. Bildungsmüdigkeit, Passivisierung, Mobbing-Gewalt in den Schulen und Verführbarkeit für Schulden, Sekten und braune Rattenfänger kennzeichneten große Teile der Schülerschaft in Deutschland.


Die Lehrerschaft sei umgekehrt die Berufsgruppe im Lande mit den höchsten Burn-out-Zahlen. Die Lage des viergliedrigen deutschen Schulsystems sei auch nach 40 Jahren Reform-Flickschusterei desolat. Schulpraktiker und Sozialpädagogen seien vollauf mit bloßen Reparaturmaßnahmen beschäftigt.


Ihm liege nichts daran, sagte von Hentig, so wie der UN-Bildungsbeauftragte Vernor Munoz lediglich schlechte Noten für die Schwachpunkte des deutschen Bildungssystems zu verteilen. Ihm gehe es um die Diagnose der zugrundeliegenden Probleme und Fragen.


Er wolle einen Paradigmenwechsel herbeiführen, darin sehe er sein Vermächtnis.
Die Schule müsse endlich wieder ein Ort der lebensvollen Erfahrung statt der knochentrockenen Formen und Pauk-Moral werden.


Hentigs Kurzformel lautet daher: "Bewährung statt Belehrung". Aus einer Belehrungsschule müsse man wieder einen Lebens- und Erfahrungsraum machen.


Der natürliche Bewährungsdrang der Kinder und Jugendlichen dürfe nicht - wie heutzutage - meistens in öde Computerspiele kanalisiert bleiben. Stattdessen müsse die Ganztagsschule endlich Projekt-Gruppen bieten, wo sowohl Abenteuerlust als auch echte Selbsterfahrung stattfinden könnten.


Warnend hob von Hentig hervor, dass man sich allerdings vor einer Möglichkeit regelrecht fürchten müsse. Wenn nämlich die Ganztagsschule nur die bloße zeitliche Ausdehnung des jetzigen formalistischen Schulbetriebs auf den ganzen Tag bedeutete, dann wäre sie unerträglich. Das Publikum dankte ihm für diese Einschätzung mit spontanem Applaus.


In der Diskussionsrunde traf von Hentig auf Fragen nach der Umsetzbarkeit seiner Konzepte. Gut vorbereitet, schien er auf alles eine Antwort zu haben. Die Durchsetzungschancen seines eigenen Vorschlags, während der Pubertät eine Lebenspraxis-Phase in die Schulzeit einzubauen, beurteilte er besonders angesichts der Lehrer selber skeptisch.


Die notwendige Erprobung und Umsetzung des Gesamtkonzepts soll durch eine Stiftung und in einem kleinen Verbund von möglicherweise drei bis vier Städten und Kreisen stattfinden. Im Februar 2008 soll eine Strategie-Konferenz dazu duechgeführt werden.


Das Ganze fußt strikt auf der vollen Freiwilligkeit aller teilnehmenden Schüler, Eltern und Lehrer. Am gleichen Ort müsse auch die Nicht-Teilnahme möglich sein.


Mit einem Wahlspruch des Philosophen Max Scheler fasste von Hentig seine Position zusammen: "Das Gute erscheint auf dem Rücken der Tat."


Jürgen Neitzel - 29.11.2007



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