Deutschland ist seltsam strukturkonservativ. Bei den europäischen Nachbarn setzen sich Einsichten viel unkomplizierter durch. Nun trifft es die "Halbgötter in Weiss", die Krankenhausärzte.
Dem Kittel ans Schlafittchen
In Großbritannien werden gegenwärtig die traditionellen Arztkittel abgeschafft. Furcht, dass man die medizinischen Autoritätspersonen künftig mangels Berufsuniform nicht mehr erkennen könne, hat dort zumindest keiner. Aber kann man sich das gleiche in Deutschland vorstellen?
Laut einer
Pressemitteilung des britischen Gesundheitsministeriums werden dort jetzt ganz neue Seiten aufgezogen. Der Umschwung ist nicht etwa dem Neuen Premierminister Gordon Brown zu verdanken, sondern fortgesetzten Skandal-Meldungen über Infektionen durch mangelnde Hygiene in britischen Krankenhäusern. Offenkundig müssen Verhältnisse erst unerträglich werden, bevor etwas passiert.
Die jetzt beschlossene Verordnung betrifft nicht nur die Berufskleidung. Auch Berichtspflichten und die Isolation von bakteriell infizierten Patienten werden verschärft. Aber die Mitteilung "The traditional doctors' white coat will not be allowed." wird als einziger anschaulicher Aspekt der Reform in den Medien Platz finden.
Der Kern des Problems waren die weiten Ärmel des Arztkittels, die das Waschen der Hände behinderten und so unbemerkt zu Bakterien-Überträgern werden konnten. Das
gleiche Verdikt gilt für langärmelige Hemden, Armbanduhren und Schmuck. Eine neue Schlichtheit kehrt künftig ein in die Krankenversorgung.
Kurzärmeligkeit wird also Mediziner-Pflicht. Die Tatsache, dass eine ganz ähnliche Regelung in den Niederlanden bereits seit längerem praktiziert wird, lässt einen stutzen und lächeln. Und kurz darauf muss man schlucken bei dem Gedanken, wieviele Opfer von Kliniksinfektioenen und wieviel Jahre man sich in Deutschland Zeit lassen wird, bevor diese vernünftige Selbstverständlichkeit auch hierzulande eingeführt wird.
Unzufriedene Ärzte
Eine noch brisantere Bedrohung für die Gesundheitsversorgung ist die nach wie vor überhohe Arbeitsbelastung der deutschen Krankenhausärzte. Nach einer
Umfrage des Marburger Bunds (MB) erwägt jeder zweite Krankenhausarzt einen Berufswechsel.
Die am Dienstag (18. September) veröffentlichhte Erhebung hat mehr als 80.000 Mitglieder der Gewerkschaft der Krankenhausärzte befragt. Sie beklagen "gesetzeswidrig überlange Arbeitszeiten, millionenfach unvergütete Überstunden, unzureichende Arbeitszeit-Erfassung und kaum Möglichkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren".
Die Gefahren für die Krankenhaus-Patienten, die durch übermüdete und überlastete Ärzte entstehen, werden durch die Massenmedien aber nicht angemessen abgebildet.
Etwa 80 Prozent der Mediziner müssen nach der repräsentativen Erhebung 50 bis 80 Wochenstunden arbeiten. Auch werden mehr Bereitschaftsdienste eingefordert, als das Arbeitszeit-Gesetz gestattet. Laut der Studie müssen 39 Prozent der Ärzte monatlich fünf bis neun davon leisten.
An rund 60 Prozent der deutschen Kliniken werden die tariflich und gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeit-Grenzen der Ärzte nicht eingehalten.
Ein Berg an Überstunden
Die rund 131.000 Klinikärzte in Deutschland tragen laut MB rund 56,6 Millionen Überstunden vor sich her. Davon werden ihnen jedoch nur zehn Prozent vollständig bezahlt.
Die Lage in Ostdeutschland ist dabei noch angespannter als in den Alt-Bundesländern. Über die Nicht-Bezahlung geleisteter Überstunden klagen im Osten volle 70 Prozent der Klinik-Mediziner. Das sind 10 Prozent mehr als im Westen.
Der europäische Bürgerbeauftragte, Nikiforos Diamandouros, hat die Europäische Kommission in diesem Zusammenhang kritisiert, weil sie die Beschwerde eines deutschen Arztes vom November 2001 bis heute ignoriert hat. Der
Verstoss gegen die europäischen Arbeitszeit-Vorschriften ist bis heute schlicht nicht bearbeitet worden. Weder ist die Beschwerde abgewiesen worden, noch wurde ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet.
Diamandouros hat sich nun mit einem detaillierten Bericht über den Fall an das Europäische Parlament gewandt.
Die Sicherheit und
Gesundheit der Patienten scheint in Deutschland gegenüber
ökonomischen Aspekten hintan gestellt zu werden. Nicht nur in der
Bildungspolitik, sondern auch in der Gesundheitsversorgung hinkt die Bundesrepublik den europäischen Nachbarländern hinterher.