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Investment-Roulette

Internationale Finanzkrise erschüttert die Banken


12.08.2007 - FJH


Die hohen Türme der großen Banken wackeln. Voller Sorge betrachten Finanz-Experten in diesen Tagen die Entwicklungen auf den internationalen Kapitalmärkten. Manchen erinnern die Vorgänge gar an die "Weltwirtschaftskrise" und den "Schwarzen Freitag" 1929. Es knirscht ganz gewaltig im weltweiten Wirtschaftssystem.


Die heilige Kuh "Wirtschaftswachstum" stößt mit laut vernehmlichem krachen an ihre längst vorhergesehenen Grenzen. Schon 1972 hatte der Club of Rome in seiner Studie "Grenzen des Wachstums"vor dieser Situation gewarnt. Dennoch haben Wirtschaftswissenschaftler und Manager weltweit die Wachstumsspirale immer noch weiter angeheizt. Die "neoliberale" Ideologie hat Menschen und Märkte in den letzten Jahren immer fester in ihren diktatorischen Würgegriff genommen.


Jegliche Kontrollinstrumente zur Begrenzung der wirtschaftlichen Macht haben die regierenden Politiker dieser Ideologie eines "schlanken Stats" bereitwillig geopfert. Und so verfügt die Politik heute kaum noch über Möglichkeiten, der derzeitigen Krise entgegenzusteuern, sofern sie es denn überhaupt wollte.


Die Misere ist schließlich auch nicht so einfach zu bekämpfen. Denn der unausweichliche Zwang zum Wachstum ist eine notwendige Begleiterscheinung der profitorientierten Zinswirtschaft. Wer Darlehen aufnimmt und hinterher mit Zins und Zinseszins zurückzahlen muss, der muss die Erträge des geliehenen Kapitals so stark steigern, dass sie diese Zinsen noch neben der Tilgung, den allgemein anfallenden Kosten und dem persönlichen Unternehmerlohn amortisieren. Immer höhere Erträge werden deswegen notwendig, die meistens durch "Einsparungen" wie Personalabbau, sogenannte "Synergie-Effekte" nach Fusionen , Outsourcing und andere Formen von Lohn-Dumping oder durch eine Übernahme privatisierter Staatsleistungen erzielt werden sollen.


Legte der sogenannte "Rheinische Kapitalismus" in weiser Voraussicht einst noch Wert auf Rücklagen, mit denen das Unternehmen notwendige Investitionen ohne größere Verschuldung selbst aus eigener Kraft finanzieren konnte, so hat der sogenannte "Shareholder-Value-Kapitalismus" inzwischen die Ausschüttung möglichst hoher Erträge an die Aktionäre (Shareholder) als vorherrschende Praxis weltweit durchgesetzt.


Ergebnis dieser aktionärsfreundlichen Wirtschaftsweise ist der gestiegene Zwang, Investitionen auf dem Kapitalmarkt zu finanzieren. Die dadurch entstehende Zinslast darf das Unternehmen nach dem Willen seiner Aktionäre aber nicht dazu veranlassen, geringere Dividenden auszuschütten. Immer schärfere Sparprogramme innerhalb des Unternehmens sind die Folge, die längst mörderische Ausmaße angenomnen hat.


Die Privatisierung der Rentenfonds ist ein weiteres Moment, das den Druck auf die Unternehmen zusätzlich verstärkt. US-amerikanische Pensionäre erhalten mitunter nur dann ein auskömmliches Ruhegeld, wenn ihr Rentenfonds die eingezahlten Beiträge mit zweistelligen Zinsmargen vermehrt. Gerne bedienen sich solche Fonds deswegen der sogenannten "Hedge-Fonds", die Bundessozialminister Franz Müntefering einmal als "Heuschrecken" bezeichnet hat.


Diese "Hedge-Fonds" kaufen Unternehmensanteile oft nur zu dem Zweck an, die Gebäude und Anlagen des übernommenen Betriebs sowie sein Know-How möglichst schnell zu versilbern. Arbeitsplätze und sogar geringfügige Gewinne dieser "Objekte" sind ihnen dabei völlig egal!


Immer mehr hat sich diese hemmungslos profitgierige Finanzstruktur in den letzten Jahren zu einem gigantischen Kasino entwickelt. Fonds-Manager versuchen auf Teufel-Komm-Raus, die Erträge ihrer Investitionen ins schier Unermessliche zu steigern. Dabei verschieben sie mitunter gigantische Summen in der Spekulation auf noch größere Profite.


Ein solches "Geschäft" ist jetzt in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) geplatzt. Investitionen in Wohnhäuser wurden in so wahnsinnig großen Mengen getätigt, dass sich kaum mehr Bewohner für diese Liegenschaften fanden. Also verschacherte mann die Häuser an irgendwelche Leute, ohne deren Kreditwürdigkeit zu überprüfen. Doch zu viele dieser faulen Kredite sind geplatzt und hinterlassen nun einen finanzwirtschaftlichen Scherbenhaufen.


Ausgerechnet die als "Mittelstandsbank" bekannte IKD-Bank in Düsseldorf hatte sich genau in solchen Geschäften engagiert. Obwohl ihr letzter Geschäftsbericht bereits Andeutungen auf das bevorstehende Desaster enthielt, haben sich die "Experten" im Aufsichtsrat der Bank anscheinend keine größeren Sorgen gemacht. Dabei gehören zu ihnen "Größen" wie der E.ON-Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Hartmann, Tschibo-Chef Dieter Ammer, der nordrhein-westfälische Staatssekretär Jens Baganz, der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Unternehmer Roland Oetker, der Brillen-Fabrikant Randolf Rodenstock und der bekannte Voith-Aufsichtsratsvorsitzende Michael Rogowski.


Vorsitzender des IKB-Beraterkreises ist BdI-Präsident Jürgen Thumann. Die Unternehmer Martin Kannegiesser, Matthias Graf von Krockow vom Bankhaus Sal. Oppenheim, Verleger Andreas Langenscheidt, Steag-Chef Alfred Tacke, der DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben und sein Vereinskollege und BDI-Präsidiumsmitglied Ludolf von Wartenberg stehen ebenfalls auf der Liste dieses illustren Kreises. Auch der Kasseler IHK-Präsident Martin Vießmann und TeGut-Chef Wolfgang Gutberlet gehören IKB-Gremien an.


Eine besonders zweifelhafte Rolle im IKB-Aufsichtsrat spielt Jörg Asmussen. Der Ministerialdirektor leitet die Abteilung “Nationale und Internationale Finanz- und Währungspolitik” im Bundesfinanzministerium. Außerdem ist er Stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats des Bundesamtes für Finanzdienstleistungen (BaFin), das die Banken beaufsichtigen soll. Eine neutrale Banken-aufsicht ist von einem Aufsichtsratsmitglied einer Geschäftsbank aber wohl kaum zu erwarten.


Besonders scharf beaufsichtigt haben können die Aufsichtsräte den IKB-Vorstand wohl nicht. Dafür muss die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) jetzt bluten: Sie schiebt der IKB einen Kredit von gut acht Milliarden Euro über den Tisch. Hinzu kommen weitere 3,5 Milliarden von anderen Geschäftsbanken.


Dieses Geld leihen sich diese Geldinstitute wiederum bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Hatte die Frankfurter Euro-Zentrale erst am Donnerstag (9. August) einen "Schnelltender" von knapp 195 Milliarden Euro zur Abdeckung der Liquiditätsprobleme der betroffenen Banken angekündigt, so legte sie am Freitag (10. August) noch einmal gut 61 Milliarden Euro nach.


Aber woher nimmt nun die EZB diese Milliardenbeträge? Die Antwort mag finanzpolitische Laien verblüffen: Sie "erfindet" dieses Geld einfach!


Längst sind die gigantischen Summen der Spekulationen von Banken nicht mehr durch reale Werte gedeckt. Mittlerweile hat die Finanzwirtschaft sich sehr weit von der realen Welt entfernt. Virtuelle Werte werden am Computern durch einen Knopfdruck generiert und geistern dann als "Giralgeld" durch die Welt. Weitaus weniger als zehn Prozent der weltweit verbuchten Geldmenge decken noch einen realen Gegenwerrt ab.


Die Geldmenge "M1" errechnet sich aus dem zirkulierenden Bargeld sowie den sogenannten "Sichtguthaben". Darunter versteht man diejenigen Guthaben, die ihre Inhaber jederzeit von den Konten bei Geldinstituten abheben können.


In der Geldmenge "M2" werden diejenigen Bank-Guthaben hinzuaddiert, die sich ihre Besitzer innerhalb von höchstens zwei Jahren auszahlen lassen können. Diese Festggeld-Konten steigern die Geldmenge nochmals.


Bei der Geldmenge "M3" schließlich rechnen die Banker noch alle weiteren Guthbaben hinzu, die über längere Zeit bei Banken, Fonds oder Bausparkassen festgelegt sind. Diese Geldmenge betrug zum Jahresende 2006 im Euro-Währungsraum mit 7,7 Billionen Euro mehr als das dreizehnfache des Bargeld-Bestands von rund 592 Milliarden Euro.


Doch selbst die Geldmenge "M3" bezieht lange noch nicht alle Guthaben und Titel ein, die für den Europäischen Währungsraum relevant sind. Nicht berücksichtigt werden bei ihrer Berechnung die Guthaben oder Verbindlichkeiten der Banken untereinander sowie die Schulden von Regierungen. Hinzu kommen außerdem ausländische Verbindlichkeiten bei europäischen Kreditinstituten.


Das "Buchgeld" oder "Viralgeld" ist also bei Weitem wichtiger als bedruckte Banknoten. Wegen der anfallenden Zinsforderungen erhöht sich die Menge dieses "Giralgeldes" ständig weiter. Zinsen wirken wie ein Krebsgeschwür, das die virtuelle Geldmenge immer weiter aufbläht. Irgendwann muss die Blase dann zwangsläufig platzen.


Mit schuld an der Vermehrung des virtuellen Gelds sind auch die immensen Rüstungsausgaben der US-Regierung unter George W. Bush. Bereits unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan waren die USA Mitte der 80er Jahre zum Netto-Schuldner geworden. Jeder private Häuslebauer hätte in dieser Situation Konkurs anmelden müssen. Die US-Regierung hingegen galt dennoch weiterhin als kreditwürdig.


Nachdem es Bill Clinton sogar gelungen war, die finanzielle Klemme der USA erheblich abzumildern, hat der Irak-Krieg das Land nun endgültig tiefer in den Schulden-Sumpf hineingerissen als je zuvor. Nur die Funktion des US-Dollars als Welt-Leitwährung wie auch die militärische Macht Bushs verhindern wohl seinen finanziellen Ruin.


Genau entgegengesetzt verläuft die nicht minder fatale wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland: Als langjähriger Export-Weltmeister haben deutsche Unternehmen inzwischen so viele Außenstände allüberall auf der Welt angehäuft, dass diese fremden Schulden wohl niemand mehr je wird eintreiben können. Abgedeckt sind sie meistenteils über Hermes-Bürgschaften genau jener KfW, die bereits kräftig blechen muss für die Misswirtschaft ihrer 38-prozentigen Tochter IKB.


Retten kann sich das marode System uneinbringlicher Forderungen vermutlich nur durch einen rigiden Sparkurs gegenüber den Armen in den jeweiligen Ländern, nachdem bisheriger Wohlstand im Wesentlichen durch die Ausplünderung der sogenannten "Dritten Welt" finanziert worden war. Aber auch diese "Verschlankung der Sozialsysteme" wird wohl nur eine vorübergehende Prolongierung des Problems bewirken können.


Auf Dauer steht deswegen zu befürchten, dass die Regierenden ihr Heil im Krieg suchen werden. Wahrscheinlich ist bereits der Krieg in Afghanistan wie auch der Angriff auf den Irak ein US-amerikanischer Versuch, Öl- und Energiequellen künftig kostenlos ausplündern zu können. Doch scheint dieser Versuch gründlich gescheitert zu sein.


Dennoch verheißen die Nachrichten von den internationalen Börsen weiteres Ungemach. Denn mit der aktuellen Finanzkrise haben US-amerikanische Banken und Hypothekenfonds auch europäische und deutsche Kreditinstitute mit in den Strudel gezogen. Noch ist nicht sicher, dass die deutschen Banken nicht noch viel tiefer fallen als bisher vermutet.


Franz-Josef Hanke - 12.08.2007



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