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Wohltätigkeit bei wachsender Armut in Deutschland

Die Marburger Tafel als ein Beispiel unter vielen


10.04.2007 - jn


Der seit einigen Monaten bestehende Aufnahme-Stopp für Bedürftige bei der Marburger Tafel ist erst einmal Vergangenheit. Im Interview mit dem Vorstandsmitglied Hilde Rektorschek kam heraus, dass eine Lösung gefunden wurde.


Bis vor Kurzem gab es eine Warteliste von rund 150 Menschen. Sie wurde dadurch beseitigt, dass man nach fünf Jahren Bezug neuerdings ein Jahr aussetzen muss.


Im Mai blickt der Verein auf ein sechsjähriges Bestehen zurück. In dieser Zeit hat er sich ständig weiter vergrößert. Aus ursprünglich zehn Mitarbeitern sind inzwischen 138 geworden.


Nach zwei Jahren Vorarbeit ist es gelungen, neben der bestehenden Außenstelle in Gladenbach eine weitere in Kirchhain zu eröffnen. Empfänger sind gegenwärtig insgesamt etwa 1.350 Menschen im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Für mehr reichen die Kapazitäten nicht.


Eine erfolgreiche Spendenaktion über ein bekanntes hessisches Kommerz-Radio ermöglichte vor wenigen Wochen den lange angepeilten Ankauf eines dritten Kühlwagens. Der war dringend notwendig, damit für verderbliche Nahrungsmittel der Kühl-Kreislauf nicht unterbrochen wird.


Rund 300 Tonnen Waren werden jährlich von den jetzt insgesamt vier Kleinlastern "abgeholt". Verbrauchermärkte und mittelständische Betriebe geben das meist kurz vor dem Haltbarkeitsdatum stehende Überschüssige frei an die Marburger Tafel ab. Auf diese Weise muss weniger vernichtet werden.


Darauf ist Hilde Rektorschek ausgesprochen stolz, denn das nütze der Öko-Bilanz. Ihre Schüler-Praktikantin weist ergänzend darauf hin, dass es den beteiligten Unternehmen auch Kosten spare.


Einigen wenigen Lieferanten habe man indes klarmachen müssen, dass man sich nicht als billige Abfallentsorgung missbrauchen lasse, stellte die Vorstandsdame fest. Generell pflege die Marburger Tafel aber ein sehr gutes, verlässliches Verhältnis mit den Kooperationspartnern aus der Wirtschaft.


Rektorschek wünscht sich, dass es noch mehr werden. Nur dann könne man weiter ausbauen.


Die Einrichtung einer Außenstelle in Stadtallendorf ist geplant. Aber sie ist derzeit noch nicht machbar.


Da der seit Jahren nicht angepasste Hartz4-Regelsatz von 345 Euro bei steigenden Preisen immer weniger Menschen zur Ernährung reicht, ist eine starke Zunahme der Bedürftigen vorauszusehen.


Wo der deutsche Staat seinen Aufgaben nur unzureichend nachkommt, versuchen Wohltätigkeitsvereine wie die Marburger Tafel notdürftig, die Lücken zu stopfen. Die milden Gaben werden zu einer Notwendigkeit für die Empfänger. Das Problem der wachsenden Armut in Deutschland wird dadurch indes nicht gelöst.


Mittlerweile gibt es über 650 Tafeln unter dem Dach des Bundesverbands "Deutsche Tafel". Allein im Bundesland Hessen sind es schon 36 lokale Vereine.


Ihre Anzahl hat also weiterhin eine steil steigende Tendenz. Mit der Zunahme der Armen hält sie jedoch kaum Schritt.


Die vielen ehrenamtlichenTafel-Akteure leisten eine notwendige Arbeit. Nicht einmal eine Aufwandsentschädigung bekommen sie dafür vom deutschen "Sozialstaat" der Schröderschen Prägung.


Zugleich werden sie als "Ausputzer" für das zynische Kalkül der ARGE-Strategen und Hartz4-Nutznießer in Dienst genommen. Solange der Hunger der Ärmsten gestillt wird, braucht man den unzulänglichen Regelsatz nicht auf ein menschenwürdiges Niveau anzuheben. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) hat vorgerechnet, dass mindestens eine 20-prozentige Erhöhung nötig sei.


Muss denn tatsächlich gegenwärtig niemand in Deutschland hungern? Ich wäre mir da nicht so sicher!


Jürgen Neitzel - 10.04.2007



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