Rente oder Rendite


Die Sagen des klapprigen Altertums

03.01.2012 - Tom


Rente mit 67? Dass ich nicht lache! Ich bin für die Rente mit 76.


96 wäre noch besser. Da müssten alle länger einzahlen und könnten sich nur kurz auf Kosten der Allgemeinheit auf der faulen Haut herumlümmeln.


Zu spät? Johannes Heesters hat doch sogar noch mit 108 Jahren auf der Bühne gestanden. Gewiss war er ein Mann von rechtem Schlage, doch zwölf Jahre weniger könnte man den meisten wohl zumuten, oder?


Keine Jobs für Leute ab 50? Das ist doch pure Meinungsmache! Schon heute gibt es genug Seniorinnen und Senioren, die im Supermarkt Regale auffüllen oder an der Kasse sitzen, immer noch Altgriechisch und Latein unterrichten oder Pfandflaschen einsammeln.


Schlecht bezahlt? Wer im Himmel soll diesen ganzen alten Tattergreisen denn für die paar Handgriffe noch die Hunderter in die Tasche schieben! Was wir bei den Jüngeren erfolgreich durchgedrückt haben, das dürfen wir bei den Alten keinesfalls aufweichen.


Schlechte Sozialsysteme? Da haben wir nun jahrzehntelang Millionen in die medizinische Forschung gesteckt, um die Leute länger fit zu erhalten. Kaum ist diese Bemühung von Erfolg gekrönt und die Leute leben länger, da wollen sie dafür glatt auch noch länger eine Rente einstreichen!


Altersarmut? Wer während seines Berufslebens nicht genug zurückgelegt hat, der darf sich nicht wundern, wenn er im Alter nicht aus dem Vollen schöpfen kann!


Riecht er? Schwäbische Sparsamkeit lohnt sich immer. Unser einstiger Gegenspieler Walter Riester hat uns gigantische Gewinnmöglichkeiten verschafft, indem er die Rente teilweise privatisiert hat. Aber das dürfen die Deppen nicht wissen, die da brav einzahlen.


Scht! Schwaben sprechen das st halt wie scht. Und der Erfinder der Riester-Rente hat dadurch auch den passenden Namen für dieses Umverteilungsprojekt von unten nach oben, das für die Betroffenen zum Himmel stinkt.


Pflege? Was für die Rente richtig ist, können wir bald hoffentlich auch auf die Pflege ausdehnen. Wenn erst die Pflegeversicherung teilweise privatisiert ist, dann werden wir noch mehr Reibach machen!


Löhnen? Klar müssen die einfachen Leute löhnen, bis sie stöhnen. Das gilt für die Pflege und die Rente ebenso wie für die Arbeitslosenversicherung.


Versicherung? Ich kann ihnen versichern, dass wir seit Einführung der Kapital deckenden Rente auch das Risiko von Arbeitslosigkeit und Altersarmut nicht mehr wirklich versichern.


Hartz IV ist zuwenig? Die Deppen sollen sich doch freuen, dass sie wenigstens einen Ein-Euro-Job haben! Arbeit schändet nicht.


Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Nun ja, man kann nicht viel einzahlen von dem, was übrig bleibt. Aber dann sollen die Taugenichtse halt den Gürtel enger schnallen!


Die Menschen sind sowieso alle zu gierig. Perfide ist nur, dass sie von sich selbst auf andere schließen und das von uns behaupten. Dabei tragen wir doch die Verantwortung!


Ja, man hat's nicht leicht. Wenn man heute Verantwortung trägt, dann muss man sich immer vorsehen. Eine ungeschickte Äußerung, eine leichtsinnige Zuwendung oder einen falschen Freund in der Politik, und schon steht man am Pranger!


Politik? Das ist sowieso nur der verlängerte Arm der Wirtschaft. Wehe denen, die versuchen, uns in die Suppe zu spucken!


Jahrzehntelang haben wir uns redlich bemüht, dem Volk unsere Freiheit als seine schmackhaft zu machen. Als "Soziale Marktwirtschaft" konnten wir sie leider zum Schluss nur noch schwer verkaufen, weil zu viele über Bord gegangen waren. Aber das musste sein, weil das Boot eben voll war!


Deshalb haben wir dann begonnen, unsere neoliberalen Forderungen nicht mehr mit den "Zwängen des Marktes" zu erklären, sondern durch den Druck "der Märkte" zu erzwingen. Glücklicherweise hat es eine ganze Weile gedauert, bis der blöde Plebs das gemerkt hat!


In der Zwischenzeit hatten wir dem gemeinen Volk schon das Fell über die Ohren gezogen. Alles, was wir vorher verzockt hatten, haben wir uns vom Steuerzahler wiedergeholt. Und für diese Milliarden mussten die Staaten sich sogar noch bei uns verschulden, wodurch wir sie nun in der Hand haben.


Daumen rauf oder runter: So entscheiden wir, ob die Griechen auf dem Zahnfleisch kriechen oder die Portugiesen abrutschen in die Miesen. Nachdem unser lieber Sylvio jetzt weg vom Fenster ist und mehr Zeit hat für seine geilen Teeny-Girls, könnten wir ja vielleicht auch mal nach Rom pilgern.


Es ist schon ein Kreuz mit diesen Politikern: Da stopft man denen mit Beraterverträgen, Parteispenden und Urlaubseinladungen vorne und hinten rein, was sie gefügig machen soll, und dann zittern die vor jeder Wahl und bei jeder kleineren Demo, als wäre das ein Erdbeben!


Nach Fukushima gleich raus aus der Kernkraft: Das wäre doch nicht nötig gewesen! So eine kleine Havarie bringt hinterher doch einträgliche Aufträge für den Wiederaufbau und die Dekontamination.


Die meisten Politiker haben kein Rückgrat. Sie sind zwar käuflich, aber trotzdem nicht verlässlich. Wären wir ebensolche Umfaller, dann sähe es düster aus in Deutschland!


Aber wir denken schon lange europäisch und global. Je größer das Gebiet mit einheitlichen Marktbedingungen, desto größer die Gewinnchancen!


Wenigstens ein guter Coup ist unseren genialen Genforschern da kürzlich gelungen: Sie haben ein Siamesisches Zwillingspaar geklont. Männlein und Weiblein!


Das Produkt dieser wissenschaftlichen Spitzenleistung spricht für sich und für uns. Wir nennen unsere neue Schöpfung "Merkozy".


Ist diese Kreatur nicht Spitze? Demokratie war gestern, Merkozy ist heute und morgen. Wir sind Europa und die Welt und Merkozy ist echt deutsch-französische Doppelspitze!

Tom Kraft - 03.01.2012