Kohle, Kraft und was man so mit Macht macht
01.07.2012 - Tom
Zum letzten Mal ist am Samstag (30. Juni) im Saarland eine Mannschaft mit einem Förderkorb in den Schacht eingefahren. Nachdem es zu mehreren großflächigen Grubenbeben gekommen war, wurde der Kohle-Abbau unter Tage nach mehr als 250 Jahren eingestellt.
In Schacht Euro hingegen wird weiterhin wie wahnsinnig Kohle gehauen. Dabei droht ein Erdrutsch nach dem anderen, das labile Gewirr der dunklen Gänge unter Tage völlig zum einsturz zu bringen.
Doch das schwarze Gold lockt die Grubenbesitzer nach wie vor. Billige Bergarbeiter bangen um ihre Zukunft und wagen sich wider besseres Wissen hinab in die gefährlichen Tiefen, denn auch sie machen aus Kohle Kohlen.
Immer neue Streben werden an wackeligen Stellen in den Schacht eingezogen, damit er nicht gänzlich zusammenkracht. Milliarden Stützen wurden bereits eingezogen. Geholfen hat das indes kaum.
Die Grube kam ins rutschen. Den Landstrichen, die die Menschen auf ihr errichtet hatten, droht der Absturz.
Blühende Landschaften sind bereits in sich zusammengesunken. Ganze Länder sind abgesoffen.
In Irland, Island, Griechenland und Spanien wird die Kohle nur mehr im Tagebau gewonnen. Riesige Bagger reißen den Boden im Eiltempo auf. Gierig fressen sie sich durch das Land und seine Infrastruktur.
Bergleute braucht dieser Tagebau nicht. So werden die Kumpel arbeitslos. Das gleiche Schicksal teilen Millionen ihrer Freunde und Nachbarn.
Mit hektischem Aktionismus versucht Bergwerksdirektorin Angela, die sprudelnde Geldquelle trotz des vorhersehbaren Einsturzes zu retten. Ihre Aktionäre stehen in ihrem Rücken.
Steiger Monti aus Italien möchte sich und seinen Kollegen etwas mehr Luft verschaffen. Stickig ist die staubige Atmosphäre unter Tage im Schacht Euro.
Wo es noch trocken ist, hört man die Hauer laut husten. Doch an vielen Stellen dringt Wasser ein in die Schächte.
Schirme spannen die Verantwortlichen schnell auf, um den Wassereinbruch abzufangen. Doch die Sturzbäche fließen an den Rändern der Regenschirme herab auf den Grubenboden.
Größere Schirme ersetzen die kleineren. Dickere Streben ersetzen die dünneren.
Schnell soll es gehen mit der Anschaffung weiterer Stützen für die ins Rutschen gekommenen Kohle-Abbaugebiete unter der Erde. Eine Aktionärsversammlung des Haupteigners soll rasch Notkredite bewilligen, damit Milliarden den Kohleabbau schnell stützen.
Das Modell der hölzernen Streben, das die wackere Direktorin den Aktionärsvertretern wortreich vorstellt, ist aber bereits zu schmal und schwach für die angestrebte Funktion. Dennoch erwirkt die Bergwerksdirektorin einen Beschluss zur Anschaffung dieser Stützen, obgleich sie bei der Vorstandssitzung einen Tag vorher schon selbst für die Beschaffung dickerer Streben aus stabilem Edelstahl gestimmt hatte.
Die Aktionärsversammlung soll dem Vorstand alle nötigen Vollmachten übertragen, beantragt sie. Einen Blankoscheck haben die Aktionärsvertreter dem Vorstand am Freitag (29. Juni) wunschgemäß ausgestellt. Die Eigentümer werden gar nicht befragt, obwohl sie - ebenso wie die Bergleute - letztlich die Zeche zahlen müssen.
Hunderte haben ihr Leben lassen müssen in den Gängen und Schächten, wo Kohle gemacht wird. Tausende haben ihre Gesundheit eingebüßt, weil sie sich schinden mussten oder weil die Hungerlöhne nicht ausgereicht haben für ein menschenwürdiges Leben.
Mit Verheißungen von einer besseren Zukunft hat man sie immer wieder ködern können. Doch all diese Versprechen waren nicht mehr als leere Lufft.
"Freiheit" - so verkündeten vollmundig die Großaktionäre - schaffe Arbeitsplätze. Doch die viel zitierte "Freiheit" war immer nur die Freiheit der Reichen, die Armen zu knechten!
Dem Volk blieb also kaum etwas übrig als die harte Arbeit in den Minen untertage. Mit freundlicher Mine versprachen die Verwalter der Kohlegruben ihnen mehr Sicherheitsmaßnahmen wie Belüftungsanlagen, automatische Brandlöschsysteme und Atemschutzgeräte sowie stabilere Streben aus Stahl.
Doch die hölzernen Stützen knicken ein unter der schweren Last, die auf ihnen ruht. Der Berg rutscht weiter.
Wasser dringt ein in die Grube Asse. Radioaktiver Müll könnte ins Grundwasser versickern.
Aber das große Geschäft geht ungerührt weiter. Erst, wenn die Gewinne sich atomisieren, steigen die Großaktionäre aus.
Voller Energie reiben sie sich die Hände. Kohle verheißt ihnen Macht.
Kohlenstaub dringt in die Lungen der Hauer. Über ihnen wackelt die Erde. Die Grube Euro ist längst zur gefährlichen Falle geworden.
Wo die Kohle bereits im Tagebau gewonnen wird, werden die Menschen an den Rand gedrängt. Die Grubenverwaltung lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern. Viele müssen ihre angestammte Heimat erlassen.
Der Kohle-Abbau, wie er jahrhundertelang sehr einträglich funktioniert hatte, fällt mit riesigem Getöse in sich zusammen. Noch glauben die Grubenbesitzer, sie könnten ihre Kohle retten, koste es, was es wolle!
Tom Kraft - 01.07.2012