"Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ Mit diesem Satz rechtfertigte Adolf Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg. Mit der Entführung zweier israelischer Soldaten begründete Ministerpräsident Ehud Olmert am Mittwoch (12. Juli) die Bombardierung des Libanons.
Ob diese Entführung ebenso inszeniert ist wie 1939 der angebliche Überfall auf den Sender Gleiwitz, das kann dahingestellt bleiben. Jedenfalls ist jedem völlig klar, dass man mit Bomben und Raketen keine Entführten befreien kann. Im Gegenteil vergrößert man dadurch die Gefahr für ihr Leben und ihre Gesundheit eher noch!
Trotzdem sezt die israelische Regierung auf Gewalt. Gewalttaten werden herangezogen, um wesentlich brutalere Verbrechen zu legitimieren. Israelische Flugzeuge bombardieren Flughäfen, Straßen, Brücken und Häuser im Libanon und Ziele in Palästina. Katjuscha-Raketen der Hisbolla widerum schlagen in israelischen Dörfern und Städten ein. Ein Geschoss setzte ein Kriegsschiff in Brand, das vor der libanesischen Küste kreuzte, um das Land vom internationalen Schiffsverkehr abzuriegeln.
Im “Nahen Osten“ herrscht Krieg. Schon steht die Lunte in hellen Flammen. Jederzeit kann das explosive Pulverfass hochgehen. Die Regierungen Syriens und des Iran haben bereits gedroht, dass sie die Hisbolla gegen israelische Angriffe unterstützen werden.
Während die Kampfhandlungen im Libanon begannen, saßen US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzlerin Angela Merkel in trauter Runde beim Wildschwein-Barbecue in Stralsund zusammen. Sie äußerten sichh “besorgt“. Doch von echter Besorgnis war in ihren Äußerungen wenig zu merken.
Demonstrativ zelebrierten Merkel und Bush transatlantische Freundschaft. Indem ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder sich der “Koalition der Willigen“ verweigert und eine deutsche Beteiligung am Irak-Krieg abgelehnt hatte, zog er sich Bushs Ärger und entsprechende “Verstimmungen“ des transatlantischen Verhältnisses zu. Doch war er dabei nicht nur in bester Gesellschaft etlicher anderer europäischer Staatsmänner, sondern auch im Einklang mit der übergroßen Mehrheit des deutschen Volkes.
Nicht zuletzt auch wegen der Zurückhaltung beim Irak-krieg ist Deutschland bislang noch nicht zum Ziel terroristischer Attentate geworden. Das freilich kann sich jederzeit ändern. Schließlich sind die deutschen Truppen in Afghanistan in jüngster Zeit mehrfach beschossen und angegriffen worden.
Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung fliegt Anfang der Woche nach Afghanistan zum Truppenbesuch. Es ist kaum zwei Wochen her, dass der CDU-Politiker die Vorbereitungen für eine Truppen-Stationierung in der Demokratischen Republik Kongo inspiziert hat. Rund 2.000 europäische Soldaten sollen dort unter deutschem Oberkommando während der Wahlen am Sonntag (30. Juli)bis zu vier Monate lang ein knapp 17.000 Soldaten starkes afrikanisches UN-Kontingent unterstützen. Etwa 780 Soldaten kommen aus Deutschland.
Dass sie tatsächlich vor Weihnachten wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sein werden, ist mehr als fraglich. Viele Experten bezweifeln die Sinnhaftigkeit dieser Militär-Aktion. UN-Generalsekretär Kofi Anan hat die Bundesregierung bei einem Besuch der Kommando-Zentrale in Potsdam aufgefordert, sich nachhaltiger im Kongo zu engagieren. Allerdings meinte er damit nicht unbedingt ein militärisches Engagement.
Die Präsenz deutscher Truppen in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa und dem Nachbarland Gabun ist auch ein Zugeständnis an die US-Regierung. Sie verlangt von den Europäern mehr Engagement in der Weltpolitik. Dank deutscher Soldaten in Afghanistan konnte die US-Army eigene Kontingente dort abziehen.
Ihr militärisches Hauptgewicht setzen die USA in die “Demokratisierung“ des Irak. In dem Land zwischen Euphrat und Tigris kämpfen die US-Besatzer einen schmutzigen Krieg gegen islamistische Terror-Gruppen. US-Soldaten foltern, morden und vergewaltigen. Verdächtige sperren sie ohne Verfahren monatelang ein. Guantanamo Bay in Kuba ist inzwischen zum Synonym für einen “Krieg gegen den Terror“ mit terroristischen Methoden geworden.
Dennoch rühmt sich George W. Bush, er verbreite überall auf der Welt die Demokratie nach amerikanischem Vorbild. Diese großmäulige Angeberei hat ihm Vladimier Putin beim G8-Gipfel in Sankt Petersburg aber schon boshaft erschwert: Eine “Demokratie wie im Irak“ sei für ihn nicht wünschenswert, erklärte der russische Präsident am Samstag (15. Juli).
Während die Führer der acht mächtigsten Industrie-Nationen an der Newa über Energie-Sicherheit und den Schutz vor Atom-Terroristen beraten, ermorden israelische Militär-Aktionen im Libanon auch unbneteiligte Zivilisten, Frauen und Kinder. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann dieser Krieg so weit eskaliert ist, dass sich Syrien und der Iran einmischen. Schon kursieren Berichte, eine libanesisch-syrische Grenzstation sei von israelischen Kampf-Jets angegriffen worden. Das hat der israelische Generalstab aber prompt dementiert.
Trotz der gefährlichen Situation konnte sich der UN-Sicherheitsrat nicht zu einer entschiedenen Reaktion auf diese Kampfhandlungen durchringen. Generalsekretär Kofi Anan hat zwar Verhandler nach Ägypten zum Krisen-Treffen der Arabischen Liga entsandt, doch haben die USA eine Resolution verhindert, die Israel zum sofortigen Schluss der Kampfhandlungen auffordern sollte.
Sowohl Bush wie auch seine neue Busenfreundin Merkel haben bei ihrem Treffen in Stralsund die Schuld für den Krieg im Nahen Osten allein der Hisbolla zugeschoben. Israel habe das Recht, sich selbst zu verteidigen.
Dass indes eine “Verteidigung“ gegen Terror selbst als Terror gegen unschuldige Unbeteiligte daherkommt, das sheint sie nicht weiter zu bekümmern. Sorgen bereitet ihnen nur, dass die junge und fragile Demokratie im Libanon durch den Krieg destabilisiert werden könnte.
Mitunter kann man sich des heimlichen Verdachts nicht gänzlich erwehren, manchem käme diese Entwicklung gerade recht. Immer noch ungeklärt ist ja das Vorgehen der westlichen Welt gegen den Iran wegen seiner Atom-Politik. Mit Lügen und Halbwahrheiten konstruierte Kriegsgründe wie im Vorfeld des Irak-Krieges könnte sich Bush einfach ersparen, wenn er den Iran angriffe, um damit dem bedrängten Verbündeten in Israel zu Hilfe zu eilen. Ob das zeitliche Zusammentreffen des Bush-Besuchs in Stralsund und des G8-Gipfels in Sankt Petersburg mit dem Beginn eines neuerlichen Nahost-Kriegs vielleicht gar kein Zufall ist?