"Der
Hunger-Tod eines 20-jährigen Erwerbslosen in Speyer wurde vor allem von Bloggern thematisiert. Die klassischen Medien haben diesen Fall zunächst weitgehend totgeschwiegen", resümierte Jens Bertrams. Der Marburger Internet-Journalist sprach am Freitag (20. April) beim "Medienforum" in der
Volkshochschule Marburg (VHS) über "Bloggen und Podcast – Demokratisierung des Journalismus oder Ring frei für Stümper?"
Blogs und Podcasts betrachtet Bertrams nicht als Konkurrenz zu den klassischen Print- und AV-Medien, sondern als ergänzende Informationsquellen. Der Marburger betreibt den
Blog "Mein Wa(h)renhaus". Außerdem arbeitet er beim
Internet-Radio "Ohrfunk" mit.
Die Abkürzung "Blog" leitet sich aus der Bezeichnung "Web-Log" ab. Darunter versteht man eine Art Online-Tagebuch. Blogger schreiben ihre Gedanken zu aktuellen Ereignissen mit Hilfe spezieller Internet-Technik auf eine Web-Seite. Leserinnen und Leser können diese Einträge dort online kommentieren.
"Podcasts" sind akustische Kommentare oder Berichte im Internet. "POD" ist die Abkürzung von "Publishing on Demand". Podcasts sind im Internet jederzeit abrufbare Radio-Beiträge.
Geben Interessierte die Adresse
www.ohrfunk.de ein, so können sie dort einen Link auf den sogenannten "Stream" anklicken. Sie hören dann das aktuell laufende Programm des Internet-Radios. Wollen sie aber einen bestimmten Beitrag später noch einmal hören, so können sie ihn auch als Podcast herunterladen und dann beispielsweise auch unterwegs auf ihrem MP3-Player abspielen.
Fast alle öffentlich-rechtlichen Radio-Sender in Deutschland bieten mittlerweile beliebte Sendungen auch als Podcast an. Anstatt also diese Sendung im laufenden Programm abzuhören, können Userinnen und User sie sich jederzeit herunterladen und beliebig oft abspielen. Im Pmedienforum entspann sich eine kontroverse Debatte darüber, ob dieses Angebot dem klassischen Radio-Programm entgegensteht oder ob es einen wünschenswerten zusätzlichen Service für die Hörer darstellt.
Die Rolle der Bloggger und der vielen Hobby-Podcaster im Internet beurteilte Bertrams dagegen positiv. Schon sein Eingangs-Beispiel zeige, dass die "Bloggosphäre" durch die Vernetzung vielfältiger Blogs und Podcasts einen Zugewinn an Information bereitstelle. Wichtig sei dabei das "Social Networking": Blogger tauschen ihre Beiträge und Links mitHilfe der speziell hierzu entwickelten Technik
"Really simple Syndication" (RSS) ständig untereinander aus.
Gerade diese Verzahnung sieht Bertrams als einen Reiz der "Bloggosphäre" an. Wichtig sei für den User dabei allerdings, genau darauf zu achten, welche Blogs er besucht. Nicht überall treffe er immer auf Qualität. Es gibt auch rechtsradikale oder faschistoide Blogs.
Einem Einwand aus dem Publikum, dass manche User mit der Beurteilung des qualitativen Gehalts eines Blogs überfordert sein könnten, mochte Bertrams nicht folgen. Auch die Nachrichten in Tageszeitungen, im öffentlich-rechtlichen Radio oder Fernsehen könne schließlich nicht jeder immer auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. In vielen Fällen seien dort die Interessen der Macher aber eindeutig neoliberal ausgerichtet.
Die Qualität kritischer Aussagen von Blogs verdeutliche nichts mehr als die Flut von Abmahnungen, die beispielsweise
www.mein-parteibuch.de erhalten hatte. Sein Betreiber Marcel Bartels habe das Blog unter dieser Adresse im Januar geschlossen, berichtete Bertrams. Seither gibt es nun allerdings das nicht minder kritische Blog
www.mein-parteibuch.com.
Der Bericht eines Neu-Bloggers über seinen eigenen Podcast und eine kritische Anmerkung der Schriftstellerin Jill Karoly über die bei Einführung des Lippenstifts verheißene "Demokratisierung der Schönheit", die längst zu einem Diktat für die Frauen geworden sei,entfachten unter den Anwesenden schließlich eine angeregte Debatte. Blogs seien so vielfältig wie das reale Leben selbst, vermutete Bertrams.
Mit einer kleinen Liste von Verweisen auf Blogs, Podcasts und andere interessante Internet-Seiten gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende heim.