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Filbingers Heil und Oettingers Unheil

Kritik an einer Begräbnis-Rede


12.04.2007 - FJH


1978 musste er seinen Stuhl in der Stuttgarter Staatskanzlei räumen. Bei der Bundespräsidenten-Wahl benannte ihn die baden-württembergische CDU wegen seiner angeblichen Verdienste um das Land dennoch als Wahlmann. Die Rede des Stuttgarter Ministerpräsidenten Günther Oettinger zum Tod Hans Karl Filbingers am Mittwoch (11. April) im Freiburger Münster ist ein erschütterndes Beispiel der geschichtslosen Verharmlosung von Faschismus.


Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Oettinger deswegen scharf kritisiert. Vizepräsident Dieter Graumann nannte Oettingers Äußerungen bei der Trauerfeier für seinen Vorgänger "grauenhaft".


Oettinger hatte behauptet, Filbinger habe als Marine-Richter im Dritten Reich kein Todesurteil ausgesprochen und sei kein Nazi gewesen. Vielmehr sei er von den Nazis verführt wrorden. Um das Land habe er sich zahlreiche Verdienste erworben.


Filbinger war 1978 zurückgetreten, nachdem seine frühere Tätigkeit enthüllt worden war. Maßgeblich dazu beigetragen hatte damals der Schriftsteller Rolf Hochhuth. Er hatte Filbingers Aktivitäten seinerzeit öffentlich gemacht.


Hochhuth nannte Oettingers Ausführungen eine "eiskalte Erfindung". Der Autor erklärte, Filbinger sei gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein "eiskalter Sadist" gewesen. In jedem Fall waren die Vorwürfe gegen ihn damals so gravierend, dass er sein Amt als Ministerpräsident aufgeben musste.


Über all das ist zwischenzeitlich das großzügige Gras des gesellschaftlichen Gedächtnisschwunds gewachsen. Der Name Filbinger ist kaum noch jemandem gegenwärtig. Umso weniger Zeitgenossen erinnern sich an die Debatte über seine Untaten.


Filbingers Haltung auch während seiner Amtszeit in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kann man nur als "stramm konservativ" beschreiben: Er rief damals zum Kauf einer Schallplatte auf, auf der der Barde Heino Kramm die rassistische Hymne der Deutschen in Südwestafrika "In gleißender Sonne" und das Deutschland-Lied mit allen Strophen sang. Dieses Machwerk empfahl Filbinger allen baden-württembergischen Schulen zum Ankauf.


Der Kabarettist Dieter Hildebrand bezeichnete ihn spöttisch als "Schwabenpapa" oder einen "schwarzen Nettelbeck vom Neckar". Filbinger verbeuge sich immer nur nach links, weil rechts von ihm ohnehin nur noch die wand sei. Sein Lieblingslied sei "Schwarzbraun ist die Haselnuss" wegen der darauffolgenden Textzeile "schwarzbraun bin auch ich".


Der Spaßmacher Otto Waalkes übersetzte in seinem Sketch "English for Runaways" (Englisch für Fortgeschrittene) den Gruß "Hello, mister Filbinger" mit "Heil Hitler, Herr Filbinger".


All das geschah damals völlig ungestraft und weitgehend ohne kritische Gegenreaktion. Diese Tatsache mag veranschaulichen, wie die deutsche Bevölkerung den einstigen Ministerpräsidenten damals wahrgenommen hat.

"De Mortuis nihil nisi bene", fordert die lateinische Etikette: "Über Tote nur Gutes! Doch lügen muss man wegen dieser taktvollen Forderung ganz bestimmt nicht.


Man hätte Filbinger ein Begräbnis im engsten Kreise seiner Familie gewähren sollen. Damit hätte man diesem Mann und seinen Angehörigen sicherlich einen größeren Gefallen getan als mit einer verharmlosenden Begräbnis-Rede.


Sie hingegen kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich. Mit seiner Rede hat Oettinger versucht, das nationalsozialistische Terror-Regime und seine menschenverachtende "Justiz" zu relativieren. Da beschleichen den besorgten Betrachter leise Zweifel an der demokratischen Haltung des amtierenden baden-württembergischen Ministerpräsidenten.


Eine klare Ablehnung des Faschismus ist nach wie vor der einzige Weg, ein Wieder-Erstarken faschistischer Umtriebe in Deutschland zu verhindern. Genau das Gegenteil aber hat Oettinger mit seiner Rede für seinen Freund Filbinger getan. Leider ist seine Haltung in jüngster Zeit kein absoluter Einzelfall.


Franz-Josef Hanke - 12.04.2007



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