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Pluralismus in Deutschland

Ein kritischer Essay zur Christian-Wolff-Vorlesung


14.05.2012 - mal


Religion und Philosophie im heutigen Deutschland sind geprägt durch Pluralismus. Dennoch sorgte im Wintersemester eine Veranstaltung für allerlei Verwirrung, die im Rahmen des Seminars "Religion und Gesellschaft“ angeboten wurde.


Das dort vermittelte Gesellschaftsbild schien eine völlig andere Richtung einzuschlagen. Umso erstaunlicher ist es doch, dass das Seminar wiederum in das Master-Modul "Selbstverständnis und Forschungsfelder der Religionswissenschaft“ integriert ist. Das ist erstaunlich, weil der Pluralismus in Europa respektive in deutschen Metropolen nicht nur einen Forschungsschwerpunkt der Religionswissenschaft in Marburg darstellt, sondern in unterschiedlichen Dosierungen im gesellschaftlichen Leben fest verankert ist.


Der Philosophiehistoriker Prof. Dr. Kurt Flasch schlug in seiner Vorlesung eine völlig andere Richtung ein. Von Philosophie und Religion im heutigen Deutschland handelte sein Vortrag am 27. Oktober 2011 im Rahmen der Christian-Wolff-Vorlesung.


Gehalten hat er ihn in der Aula der Alten Universität. Die - sich deutlich an Friedrich Nietzsche anlehnende - dezidiert christentumskritische Sicht der intellektuellen Entwicklungen in der europäischen Philosophie fasste Flasch darin zusammen.


Metaphysischen und religiösen Konzepten stehe er sehr skeptisch gegenüber und halte sie für reine Spekulation, erklärte der Referent. Seit der Vorlesung in Regensburg durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006 überschwemme ein Tsunami an Religionsschriften die Philosophie.


Philosophen hätten daher die Pflicht, diese Schriften zu klären und zu analysieren. Religionspositionen greifen schließlich in das erfüllte Leben ein.


Sie beeinflussen Debatten über Ehescheidungen im Alltag und Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland. Sie haben endlose Abtreibungsdebatten provoziert und Strafen für Homosexuelle begründet.


In diese öffentlichen Dispute spielen philosophische Ansprüche hinein. Die Wiedervereinigung habe Deutschland ein Heer an Atheisten beschert.


Die Kirchenskandale der letzten Zeit haben die Zahl der Austritte noch vermehrt. Dennoch werde eine Renaissance der Religion behauptet.


Vor allem liege das an religionstreibenden Problemen, die noch immer ungelöst dastehen. Krankheiten, Erdbeben, Kriege und Wirtschaftskrisen haben den Glauben an den Fortschritt gemindert. Das führe zu einer erneuten Hinwendung zu religiösen Grundsätzen.


Diese Entwicklung werde sehr häufig mit Phänomenen der internationalen Szene begründet. Eine Rückwendung zur Religion richte sich jedoch gegen alle Ergebnisse der Aufklärung.


Auch kritisierte Flasch die Lehre des Papstes von der Vernunft des Christentums und der Rückbesinnung zu christlichen Wurzeln. Sie sei einseitig, übergehe wichtige Gegenimpulse und entspreche der Neuscholastik aus den 50er Jahren.


Die heutige Philosophie habe sich indes stark verändert. Das Vernunftkonzept sei weicher, mythenfreundlicher und weniger monolithisch geworden.


Die philosophischen Religionsdebatten der letzten Jahrzehnte zeigen kein einheitliches Bild und bringen kein allgemein anerkanntes Resultat. Extrem konservative, postmoderne, metaphysische und postmetaphysische Ansichten stehen sich gegenüber.


Die neue Einteilung in postmodern und premodern verwirre nur und sei von argumentloser Leere. Allenfalls Machtansprüche und Selbstüberschätzung seien zu erkennen. Eine philosophische Substanz könne er in aktuellen Publikationen nicht erkennen.


Die Wege von Philosophie und Theologie laufen nach Flaschs Beobachtung auseinander. Aus guten lebenspraktischen und theoretischen Gründen könne die Philosophie sich dem Religionsphänomen zuwenden, verschwimme aber meistens in Toleranzgerede. Aus Mangel an philosophischen Takt, Präzision und Quellenkenntnissen verfehle sie sehr häufig die Diskussion.


"Flasch sparte nicht mit teils deftiger Polemik.“ , kommentierte der Marburger Philosoph Dietrich Schotte den Vortrag später im Uni-Journal. Ich teile diese Ansicht, obgleich ich auch seinem Nachsatz nicht zustimme.


Im Gegensatz zu Schotte halte ich den Vortrag von Flasch für wenig aufklärend. Rückblickend betrachtet, war das Thema der Veranstaltung zu hoch gegriffen.


Flasch sprach mehr von Philosophie als von Religion. Tatsächlich referierte er über die theoretischen Kontroversen, die sich Theologen und Philosophen derzeit liefern.


Der Konflikt zwischen Philosophie und Theologie ist nicht überraschend, war die Beziehung der beiden Disziplinen zueinander doch noch nie ganz einfach. In der Antike stand das Streben nach Vernunft und Erkenntnis im Mittelpunkt der europäischen Philosophie. Religiöse Weltanschauungen wurden nie ganz ausgeschlossen. Abgelehnt wurde jedoch das bloße Übernehmen eines mythischen Weltbilds und religiöser Traditionen. Nachdem sich das Christentum in der Spätantike im europäischen Raum durchgesetzt hatte, verlor die philosophische Tradition zunehmend an Autonomie und wurde zu einer Hilfswissenschaft der christlichen Theologie degradiert. Philosophische Publikationen und Grundannahmen durften den theologischen Dogmen nicht widersprechen und waren darauf ausgelegt, göttliche Offenbarungen mit rationalen Argumenten zu stützen. Emanzipation erreichten Philosophen erst wieder in der Epoche der Aufklärung. Das Streben nach Vernunft ging einher mit der Befreiung aus jeder Unmündigkeit. Aus diesem Paradigmenwechsel heraus war die Philosophie stets darum bemüht sich selbst neu zu definieren und formte dabei wohl die heutigen philosophischen Denkrichtungen, die Flasch entweder vertrat oder auf die er selbst bei seiner Vorlesung Bezug nahm.


Bei der Diskussion über Religion in Deutschland spielt die Begriffsbestimmung von „Religion“ eine wichtige Rolle. Es gibt keine allgemeine wissenschaftlich anerkannte absolute lexikalische Definition des Begriffs „Religion“. Komplexität und Unterschiedlichkeit der Religionen lässt kaum eine einheitliche Definition zu. Das ändert jedoch nichts an dem Umstand, dass eine Vielzahl von Theorien oder Grundannahmen existieren, die zu bestimmen versuchen, was „Religion“ sein könnte. Problematisch an der Betrachtungsweise von unterschiedlichen Religionen ist auch eine sehr starke eurozentristische Sichtweise innerhalb der wissenschaftlichen Terminologie. „Religion“ leitet sich ab vom lateinischen Wort „religio“ und bedeutet wortwörtlich eine Rückbindung an einen von Gläubigen wahrgenommenen Gott bzw. göttlichen Urgrund. Nun ist aber gerade diese wortwörtliche Übersetzung maßgeblich durch christliche Theologen geprägt worden, um im Zuge der Christianisierung anderer Ethnien zu rechtfertigen, dass nur der Glaube an einen Gott Religion sein könne. „Religio“ wiederum leitet sich vom lateinischen Verb „relegere“ ab und bedeutet lediglich „wieder auflesen“, „beachten“ und „bedenken“. Ein solch enges Verständnis von Religion wird heute in der Religionswissenschaft nicht mehr vertreten, da es eher üblich ist, Religion als offenes Konzept zu betrachten und auf eine Definition gänzlich zu verzichten. Dennoch gehörte Flasch wohl zu einer Gruppe von Philosophen, die bei der Betrachtung von religiösen Phänomenen sehr strenge, dem Christentum entlehnte Maßstäbe anlegen. Auch verfügte Flasch über ein sehr enges Verständnis von Religion. Enthielt er sich zwar einer bestimmten Definition, so nannte er dennoch konkrete weltanschauliche Systeme, die für ihn im Bereich der Religion maßgeblich relevant sind. Seinem engen begrifflichen Verständnis ist zu entnehmen, dass Deutschland nur durch europäische Christen und Juden, sowie muslimische Emigranten und einer Vielzahl von Atheisten und Freidenkern geprägt werde. Seine Einteilung eröffnet vielfältige Probleme.


Zum einen reduzierte er Religion damit auf das bloße Vorhandensein von einer bestimmten Gottesvorstellung. Der Glaube an Gott oder Götter lässt sich jedoch nicht als konstitutive Grundgegebenheit festlegen. Christentum, Judentum und Islam kennen einen ewigen und allmächtigen personalen Schöpfergott und sehr viele Zeremonien und Rituale bauen darauf auf. In vielen Ethnischen Religionen stehen aber Tiere, Geister und Dämonen viel stärker im Vordergrund als ein personaler Gott. Eine konkrete Gottesvorstellung als Ergänzung ist sehr häufig auch das Resultat einer Beeinflussung durch Christentum und Islam. In anderen weltanschaulichen Traditionen wird eher eine impersonale höchste Wirklichkeit angenommen. Buddhisten, Hinduisten und Taoisten glauben demzufolge an ein absolutes – meistens auch eigenschaftsloses - höchstes Prinzip. Genügend Freiraum ist auch vorhanden, so dass sich auf bestimmte Teilelemente bezogen werden kann, die in einer Schulrichtung gebildet oder von jeder Person individuell gewählt werden.


Zum anderen vergaß Flasch das Fehlen einer genauen Übersetzung des Wortes „Religion“ in den meisten außereuropäischen Sprachen. So kennen beispielsweise Buddhismus, Hinduismus und Jainismus eher das Sanskrit-Wort „Dharma“, das wiederum eine Vielzahl an Bedeutungen hat. Dharma ist eine Sammelbezeichnung für Gesetz, Recht, Sitte, Ethik sowie Moral und ist eng mit der jeweiligen Lehre verflochten. Dharma kann aber auch sowohl religiöse als auch philosophische Elemente beinhalten, ohne dass groß zwischen beiden Traditionen unterschieden wird. Natürlich können sich die jeweiligen Schulrichtung innerhalb dieser Denktraditionen sehr stark unterscheiden, so dass mal die eine Richtung und mal die andere Richtung stärker verfolgt wird. Für Europa ist es gerade deshalb relevant, weil auch Denktraditionen wie Buddhismus und Hinduismus vor Ort sind und auf vielfältige Weise das gesellschaftliche Leben prägen. Es ist daher ein Fehler, weltanschauliche Systeme in strengen komplementären Kategorien - wie Religion und Philosophie - voneinander abzugrenzen.


Ein anderes Problem von Flasch"s Einteilung resultiert aus der Kombination von Nationalität und Religion. Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund können dem Islam oder jeder anderen Religion angehören. Auch hat er Religiosität zu stark an statistischen Erhebungen festgemacht. So konnte er mit - mehr als veralteten - Mitgliedszahlen zu unbenannten und nicht näher differenzierten Kirchen aufwarten. Dass sich Religiosität oder gegebenenfalls auch Spiritualität aus unterschiedlichen Gründen statistisch nur sehr schwer bis gar nicht erfassen lässt und auch nicht an eine direkte konfessionelle Mitgliedschaft gebunden sein muss, hat Flasch nicht berücksichtigt. Immerhin gibt es Menschen mit einer christlich konfessionellen Zugehörigkeit, die aber mit dem Christentum nichts anfangen können und aus unterschiedlichen Gründen nicht oder noch nicht ausgetreten sind. Genau so gut gibt es Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind – statistisch also nicht mehr erfasst werden – sich aber trotzdem noch zum Christentum zugehörig fühlen. Leider berücksichtigen Statistiken nie etwaige Doppelmitgliedschaften. So gibt es in Deutschland Menschen, die gleichzeitig Christen und Buddhisten oder Christen und Wicca sind, ohne das in Statistiken darauf hingewiesen wird. Auch gibt es Menschen, die ihre weltanschauliche Auffassung als reine Privatsache ansehen und jegliche gemeinschaftliche Zugehörigkeit meiden, sich durchaus der einen oder anderen Lehre zugehörig fühlen, statistisch aber nicht erfasst werden.


Ich teile die Ansicht des Religionswissenschaftlers Kocku von Stuckrad, dass von einer erneuten Hinwendung oder Rückwendung zur Religion keine Rede sein kann. Religion ist ja immerhin nie aus der europäischen Gesellschaft völlig verschwunden. Und auch der religiöse Pluralismus ist in Europa eher ein Normalfall. In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Begriffe aufmerksam machen, die zwar ähnlich klingen aber doch etwas völlig anderes meinen, nämlich Pluralität und Pluralismus. Pluralität bezeichnet die Tatsache, dass verschiedene Religionen bekannt sind und existieren. Pluralismus jedoch geht noch einen Schritt weiter. Er bezeichnet nicht nur die theoretische Tatsache, dass unterschiedliche religiöse Systeme existieren, sondern in der Praxis eine Koexistenz eingehen und miteinander interagieren. Die Vielfalt der Religionen oder Weltanschauungen ist Gegenstand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und dient der Herstellung von Identitäten gleich welcher Art. Pluralismus muss nicht friedlich sein. Wenn Flasch auf die ständigen Konflikte in der Gesellschaft verwies, stellte er in letzter Konsequenz eine pluralistische Interaktion doch nur als gegeben dar – auch wenn er sich an einigen Stellen gegensätzlich ausdrückte. Christentum, Judentum und Islam haben sich nicht in Europa entwickelt. Sie sind eingewandert. Sie stießen dabei nicht auf ein religiöses Vakuum, sondern auf eine unterschiedlich ausgeprägte religiöse Landschaft. Diese wurde zwar überformt und transformiert, aber nie völlig verdrängt oder zerstört. Nicht nur die Philosophie verlor in der Spätantike ihre Autonomie. Allen anderen Weltanschauungen, die bis zu diesem Zeitpunkt auf dem europäischen Kontinent bekannt und vertreten waren, erging es ebenso. Ebenso wie die Philosophie waren sie dem Macht- und Gewaltmonopol des Christentums ausgeliefert. Aber genauso wie die Philosophie auch, konnten sie sich während der Aufklärung emanzipieren und neu organisieren. Es kam zu einer legitimen Pluralisierung von Glaubens- und Wissensformen, die nicht der Aufklärung widerspricht – wie Flasch es behauptete – sondern durch die Aufklärung begrüßt und verstärkt wurde.


Begünstigt wird der religiöse Pluralismus in Deutschland auch durch das Verfassungsrecht auf Religionsfreiheit. Dieses Grund- und Menschenrecht besteht vor allem in der Freiheit eines Menschen seine Überzeugungen frei zu bilden und seine Weltanschauung ungestört auszuüben. Die Weimarer Republik gab sich 1919 eine Verfassung, die den Staat zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtete und die ungestörte Religionsausübung garantierte. Dieses Recht wurde 1949 auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. So ist eine Grundlage geschaffen worden, die einen religiösen Pluralismus nicht nur möglich macht, sondern ihn rechtlich sogar auch anerkennt.


Die freie und Hansestadt Hamburg ist ein Beispiel für einen solchen Pluralismus, denn dort sind eine Vielzahl an Weltanschauungen vertreten, die eine Koexistenz eingehen und miteinander interagieren respektive auch Identitäten prägen. Sie ist als Stadtstaat ein Bundesland der Bundesrepublik Deutschland und mit knapp 1,8 Millionen Einwohnern auch die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Gemäß den Angaben des statistischen Amts für Hamburg und Schleswig-Holstein hatten im Dezember 2010 515.000 Hamburger einen Migrationshintergrund, also ca. 30 % der Stadtbevölkerung. Vertreten sind 183 verschiedene Staatsangehörigkeiten. Die häufigsten Herkunftsländer sind Türkei, Polen und Russland. Eine Kennzeichnung der Migration in der Hansestadt ist aus dem Grund für diesen Essay relevant, weil einige Identitäten erst durch Migranten nach Hamburg kamen, was ich aber an einer anderen Stelle näher erläutern werde.


Sowohl Christentum als auch Judentum können auf eine lange und wechselhafte Geschichte in der Hansestadt zurückblicken. Hamburg war ursprünglich als Missionszentrum gegründet worden. Als die Siedlungsgebiete der westgermanischen Sachsenstämme im Zeitraum von 768 bis 804 durch das Fränkische Reich erobert wurde, kam es auch zur gewaltsamen Aneignung des Hamburger Raums. Um 811 ließ der fränkische König Karl der Große zwischen den Flüssen Bille und Alster eine Taufkirche errichten, da von dort aus der gesamte Norden christianisiert werden sollte. Im Jahr 831 gründete sein Sohn und Nachfolger Ludwig I. das Bistum Hamburg und erwirkte 832 dessen Erhebung zum Erzbistum durch Papst Gregor IV. Erzbischof wurde der Benediktinermönch Ansgar, der die Christianisierung des Nordens fortsetzte. In Folge der Streitigkeiten um das Erbe von Ludwig, wurde das Fränkische Reich 843 unter seinen Söhnen aufgeteilt. Dänische Wikinger und Normannen nutzten diese Situation aus und zerstörten um 845 die Siedlungen entlang der Elbe inklusive der Siedlungen im Hamburger Raum und machten auch vor den Sakralbauten nicht halt. Bischof Ansgar floh daraufhin nach Bremen und das Erzbistum Hamburg wurde mit dem Bistum Bremen vereinigt. Sitz des Erzbistums wurde allerdings Bremen und in Hamburg verblieb ein Domkapitel als lokale Vertretung. Ab dem 11. Jahrhundert entwickelte sich Hamburg vom Missionszentrum zur Handelsstadt. Ausbau des Hafens und eine treibende Kraft innerhalb der Hanse sorgten für eine dauerhafte Fokussierung auf Interessen im Bereich Wirtschaft und Entwicklung.


Um 1519 setzte die Reformation in Hamburg ein, als Luthers Schriften bekannt wurden und einige Geistliche die neue Lehre annehmen wollten. Da immer mehr einflussreiche Laien und Geistliche die Reformation unterstützten und Druck auf den Hamburger Rat ausübten, wurde 1529 eine entsprechende protestantische Kirchenordnung verfasst und im Hamburger Recht verankert. Weil sich einige der Kaufleute aber nicht von der katholischen Kirche lösen wollten und für die Wirtschaft als zu wichtig angesehen wurden, durften sie letztlich in neu errichteten Kapellen an Privatgottesdiensten unter der Leitung eines Kaplans teilnehmen.


Vermutlich ab 1590 traten Juden in Hamburg öffentlich in Erscheinung. Sie waren zuvor aus Spanien, später aus Portugal vertrieben worden. Anfangs war es ihnen nicht gestattet öffentliche oder private Religionspraxis zu betreiben, aber aus wirtschaftspolitischen Gründen wurde dann doch eine freie Religionsausübung zugelassen. Da die Hansestadt stets nach wirtschaftlichem Wachstum strebte, konnten es sich die Hamburger nicht leisten nur eine einzige konfessionelle oder religiöse Lehre zu akzeptieren. Immerhin gab es auch einflussreiche Kaufleute und Adelige, die sich nicht von der katholischen oder jüdischen Lehre lösen wollten. Es waren zwar nicht alle Juden und Katholiken einflussreiche Adelige und reiche Kaufleute, aber sie alle waren letztlich Nutznießer einer Toleranzhaltung bedingt durch den Wirtschaftsliberalismus. Im 17. Jahrhundert wurde schließlich mit einer neuen Gesetzgebung eine freie Religionsausübung gestattet und der religiöse Pluralismus wurde zu einer alltäglichen Situation in Hamburg. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ließ diesen Pluralismus jedoch vorerst scheitern. Bereits in der Reichspogromnacht im Jahr 1938 wurden die meisten jüdischen Einrichtungen zerstört und viele der Juden entweder getötet oder verhaftet und in das nahegelegene Konzentrationslager Neuengamme deportiert. Bis 1945 wurden alle jüdische Einrichtungen, die das Stadtbild prägten, radikal zerstört. Von den 25.000 damals in Hamburg ansässigen Juden überlebten nur 300 den Genozid. Da die Nationalsozialisten willkürlich festlegten, wer was zu Denken und zu Glauben habe, litt auch die übrige Bevölkerung unter ihrer radikalen Terrorherrschaft und dem dadurch ausgelösten 2. Weltkrieg. Mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde dann eine neue rechtsstaatliche Verfassung in Kraft gesetzt, die mit dem Recht auf Religionsfreiheit auch ein erneutes Erblühen des Pluralismus möglich machte.


Heute existiert in Hamburg wieder eine bunte Vielfalt an unterschiedlichen Weltanschauungen. Die Welle der Flüchtlinge aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion verstärkten den Wachstum der christlichen und jüdischen Gemeinden. Der Islam ist ein Beispiel dafür, dass viele Gruppierungen erst nach dem 2. Weltkrieg durch Migration nach Hamburg kamen und sich dort ansiedelten. Der Islam in Hamburg weist eine Vielfalt von islamischen Traditionen und nationalen Identitäten auf, wobei türkische Emigranten die Mehrheit darstellen. Der Bau von repräsentativen Moscheen ist von Anfang an eher die Regel, als eine Ausnahme. Die Fazle-Omar-Moschee ist die zweitälteste Moschee in Deutschland und zu gleich auch die erste Moschee, die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland gebaut wurde. Sie wurde 1957 von der Ahmaddiyya-Bewegung errichtet und diente für einige Jahre als einzige islamische Gebetsstätte in Hamburg und Umgebung. Ein wichtiger Ort iranischer kultureller und religiöser Aktivitäten in Hamburg ist das Islamische Zentrum mit der Imam-Ali-Moschee an der Außenalster. Sie ist die viertälteste Moschee Deutschlands und wurde nach der Islamischen Revolution vom iranischen Staat finanziell unterstützt und untersteht heute unmittelbar dem geistlichen Oberhaupt im Iran. Erst 1969 wurde die Zentrum-Moschee als türkische Einrichtung errichtet. Die unzähligen Moscheen sind heute untereinander vernetzt, stehen für alle Menschen gleich welcher Herkunft offen und beteiligen sich am interreligiösen Dialog.


Buddhismus und Bahai sind nicht nur durch Migration nach Hamburg gekommen. Sie sind Beispiele dafür, dass bereits vor dem 2. Weltkrieg ein Interesse an anderen Weltanschauungen bestand. Während die erste buddhistische Gemeinschaft bereits 1906 durch interessierte Hamburger gegründet wurde, kam es erst in den 1920ern zur Gründung einer Hamburger Bahai-Gemeinde. Da beide jedoch durch die Nationalsozialisten verboten wurden, konnten sie sich auch erst wieder nach 1949 neu organisieren und expandieren seither stätig.


Typisch für Hamburg ist auch das starke Anwachsen neureligiöser, geistiger und esoterischer Strömungen in bislang unerforschter Höhe. Wicca und Asatru etwa sind in Form von offenen und losen Netzwerken vorhanden. Sie stehen völlig selbstverständlich im öffentlichen Leben, betreiben Schulen oder Geschäfte, üben beratende Tätigkeiten aus und beteiligen sich am interreligiösen Dialog. Auf ihre höchsteigene individuelle Art prägen sie das gesellschaftliche Leben und sind wie alle anderen auch Nutznießer einer hanseatischen Toleranzhaltung.


Die Vielfalt in Hamburg mag zurzeit noch nicht in ihrer Gänze wissenschaftlich erfasst sein, dennoch ist es die selbstverständliche Aufgabe der Religionswissenschaft, Hamburg zu einem Forschungsfeld zu machen und noch stärker zu erforschen, als es bisher der Fall war. So individuell – wie die Vielfalt in Hamburg ist – geht es möglicherweise auch nicht im gesamten deutschen Bundesgebiet zu. Immerhin ist Deutschland ein höchst heterogenes Land, dessen Struktur sich von Bundesland zu Bundesland stark unterscheiden kann. Aber genau das macht auch den Pluralismus in Deutschland aus. Wer sich mit Philosophie und Religion im heutigen Deutschland beschäftigt, muss sich mit dieser real existierenden Diversität, den unterschiedlichen historischen Entwicklungen, den widersprüchlichen und den oftmals verwirrenden Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Ich halte den Ansatz von Flasch daher eher für destruktiv und verwirrend, als für produktiv und effizient.


Martin Ludwig - 14.05.2012



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