Staatsterrorismus gegen ein Nachbarland - Zuschauerrolle für alle?
28.07.2006 - jn
Außer Radsport-Doping, Konzernen mit Korruptionsaffären und Polit-Hickhack um die sogenannte Gesundheits-Deform überfluten uns neuerdings grausamste Bilder von Krieg und Zerstörung im Libanon aus allen Medien-Kanälen. Wollen die Berichterstatter uns noch mehr abstumpfen und gewöhnen an die vorgebliche "Schicksalhaftigkeit" dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit?
Verbrecherich ist ein Krieg immer, weil er das Leben von Unbeteiligten und Zivilpersonen zerstört. Dass der gegenwärtige zudem ein mutwillig herbeigeführter Präventiv-Krieg ist und neben dem Irak-Krieg der am wenigsten rechtfertigbare der Gegenwartsgeschichte, fällt in der journalistischen Aufbereitung meist unter den Tisch.
Resolutionen erreichen leider gar nichts
Die Kritik gilt wohlgemerkt beiden Kriegsparteien gleichermaßen. Stattdessen bekommt man tatsächlich täglich suggeriert, dass das Leben libanesicher Zivilpersonen nahezu nicht schützenswert, de fakto nichts wert sei. Denn über Lippenbekenntnisse hinaus unternimmt keine Regierung weltweit deutlich spürbare Anstrengungen, um dieses sinnlose Blutvergiessen und Infrastruktur-Zerstören zu beenden. Resolutionen, zumal am missbräuchlichen Veto der USA scheiternde, erreichen gar nichts.
Die einzig glaubwürdige Rolle kommt bisher Kofi Annan von der UNO zu sowie den Nichtregierungs-Organisationen wie Amnesty International, HU, dem Internationalen Roten Kreuz (IRK) und Human Rights Watch. Die deutschen Kirchen, die doch angeblich unser soziales Wertebewusstsein fundieren, machen wie schon in der deutschen Innenpolitik (Armut, Hartz IV) auf Opportunismus. Der tatenlosen, aber geschwätzigen Merkel-Regierung machen sie keinerlei Druck, einen Waffenstillstand einzufordern.
Realpolitik bedeutet Werte-Zynismus?
Auch Israel erhält wenig Druck. Notfalls könnte er durch Einfrieren der Konten und Unterstützungszahlungen an den israelischen Staat erzeugt werden. Dies macht den katholischen "Oberhirten" Karl Kardinal Lehmann wie auch seinen evangelischen Konterpart Bischof Wolfgang Huber, obgleich sie sicher nicht Kriegsbefürworter sind, mangels tatkräftigen Eintretens für den Frieden aber zunehmend unglaubwürdig. Realpolitik bedeutet Werte-Zynismus? Barbara Lochbihler von Amnesty Internationl (AI) ist da ein Gegenbeispiel, so wie es sein sollte.
Seitdem außer der Infrastruktur und den Zivilpersonen im Libanon auch noch UN-Blauhelme, deren Stützpunkt seit Jahren bestens bekannt war, angeblich "versehentlich" zerbombt und getötet wurden, wächst die Empörung in Europa über einen Krieg ohne Verstand und ohne jedes Maß. Es macht überhaupt keinen Sinn, wie uns die Parteigänger und Propaganda-Unterstützer beider Seiten ständig einzureden versuchen, auf einen "Anfänger" oder "Schuldigen" so zu reagieren.
Nur eines tut not: Waffenstillstand und internationale Gerichtsverfahren gegen die Täter beider Seiten! Die angerichteten Gräuel und Schäden sind jetzt schon kaum wiedergutmachbar. Den Wiederaufbau müssten die Kriegstreiber, ja auch der israelische Staat, selber zahlen und nicht Dritte! Nur dann käme wieder Vernunft in das Handeln.
Unabsehbarer Schaden der Bomben auf UN-Blauhelme
Besonders schmerzlich für jeden vorausdenkenden Menschen ist die läßlich angerichtete Beschädigung der UNO. Durch die israelischen Bomben auf den Blauhelm-Stützpunkt, die vier Menschen getötet haben, ist über das private Leid der Angehörigen hinaus unermesslicher Folgeschaden angerichtet worden. Welche Menschen und welche Länder werden sich noch für eine solche Tätigkeit entscheiden, wenn die unantastbarsten Grundsätze des Völkerrechts derart ungestraft missachtet werden dürfen, nur weil die US-Regierung es so will.
Wer wie die meisten Regierungen und Medienvertreter darüber beredt schweigend hinweggeht, hat Zynismus im Sinn, aber keine humanitären Werte. Wir brauchen einen internationalen Strafgerichtshof, der ohne das Schlupfloch der Nichtmitgliedschaft auskommt. Staatsterrorismus ist kein bisschen besser als individueller Terrorismus und genauso zu behandeln!
Aufklärung findet in den Medien kaum statt
Sollten die neutralen Beobachter absichtlich ausgeschaltet werden? Oder hat da ein israelischer Militär spekuliert, die Ermordung von UN-Beobachtern wäre der einzige Weg, rasch einen Waffenstillstand herbeizuführen? Das muss nachträglich genauestens untersucht und geklärt werden. Mehr, als dass es kein versehentlicher Zufall gewesen sein kann, wie die offizielle Propaganda weismachen möchte, kann man derzeit nicht sagen. Dafür gibt es genug Indizien wie dokumentierte Anrufe der Beobachter bei ihrem israelischen Verbindungsoffizier.
Deshalb ist Kofi Annans Statement genau zutreffend und richtig gewesen. Mir als einem Humanisten und Pazifisten dreht sich angesichts der folgenlosen offiziellen "Besorgnis"-Redereien und verantwortungslosen Berichterstattung der Magen um. Sind denn nur Israelis Menschen, die - hoffentlich - zählen, aber Libanesen eigentlich nicht? So kommt es in ZDF, WDR und DLF gegenwärtig leider bei mir als Zuschauer an. So darf es aber nicht bleiben.
Jürgen Neitzel - 28.07.2006